Interview mit Tobias Wimbauer, Antiquar, Autor und Verleger aus Hagen - Teil III
Die Idee zu einem Verlag entsteht nicht über Nacht. Wie viele Nächte sind vergangen, bis dieser aus der Taufe gehoben wurde?
Ach, eigentlich gab es die Idee schon immer. Irgendwo im Hinterkopf, im Herzen, sonstwo. Ich hatte immer als Wunschvorstellung: ein Antiquariat oder einen Verlag. Also mit den Texten umgehen, die es schon gedruckt gibt, und jene Texte veröffentlichen, die ich selbst gern lesen möchte, oder von denen ich wollte, dass andere sie lesen. Beides haben wir heute, das ist ganz fabelhaft. Im konkreten zog sich die Verlagsgründung etwas hin. Nach dem missglückten Verlagswechsel mit meinen Jüngerbüchern brauchte es einige Zeit, bis wir sicher waren, dass wir das jetzt machen wollen. Und dann war es soweit. Und schon ist ein Jahr rum, und 8 Bücher sind lieferbar und sehr viel mehr andere Titel sind in Arbeit, unter Vertrag und in Vorbereitung. Das ist schon toll.
Das Verlagsprogramm reicht von »Wortklaubereien« bis hin zur »Vampyrologie für Bibliothekare«. Gibt es einen »roten Faden« für den Verlag, oder ist Vielseitigkeit das Programm?
Nein, Vielseitigkeit als solches ist kein Anliegen. Wir haben ein Kriterium im Verlag: wir verlegen nur, was Silvia oder ich lesen wollen. Das hat zwei Gründe: den ganz einfachen, dass »all you can read« andere machen sollen und den ebenso einfachen zweiten Grund, dass wir ja bis zur Veröffentlichung eines Buches, den Text mindestens 5mal lesen müssen (Manuskriptsichtung, Lektorat, Satz, Korrektur, usw.), und wenn ich schon fast gar nicht zur Lektüre der Bücher komme, die ich lesen will und die schon gedruckt sind, so will ich jene Texte, die ich mehrfach lese, auch so auswählen, dass ich sie wirklich lesen will. Das ergiebt schon einmal eine ziemliche Siebung.
Einen Schwerpunkt des Eisenhut Verlages bilden Schriften der Gebrüder Ernst und Friedrich Georg Jünger. Beide nicht ganz unumstritten. Was sagt der JüngerKenner in Ihnen dazu?
Das mit der Umstrittenheit ist das nervigste und eigentlich auch absurdeste Vorurteil, das ich kenne, seitdem ich mich mit den Brüdern Jünger befasse. Jeder, der nicht Mainstreamblabla macht, ist umstritten. Also was soll's. Dass die exNazis, die ihre Vergangenheit vertuschten, wie Walter Jens, auf Jünger kiebig waren, der zwar Anfang der zwanziger Jahre, da die Nazis noch eine Splittergruppe unter vielen von diesen Nationalrevolutionären Haufen waren, da Chancen sah und bei den Nazis publizierte und auftrat, der aber schon 1926 mit der NSDAP brach, Hitler nicht zum Besuch empfing und Reichstagsmandate ebenso ablehnte wie den Sitz in der nach 1933 gleichgeschalteten Akademie der Dichtung, liegt auf der Hand. Da setzte sich fort. Umstritten ist Jünge jedenfalls vornehmlich bei denen, die ihn nie lasen und bei denen, die ihre eigenen Verstrickungen zu verbergen suchen.
Weiter im Buchprogramm: Ebenfalls erschienen ist das Tagebuch (Wilhelmshort 1945 sowie als weiterer Band Wilhelmshort 1946/47) des ehemaligen Deutsche Bank Direktors und SPD Mitglieds Friedrich Helms. Einer Person, die so scheint es, selbst im Internet der Vergessenheit anheim gefallen ist. Wie wird man als Verleger aufmerksam auf dessen Tagebücher?
Die Aufmerksamkeit kam einfach: ich besitze die Originale der Tagebücher seit Mitte des Jahrzehnts. Da Tagebücher meine liebste Lektüre sind, lag es nahe, sie zu edieren. Inzwischen habe ich übrigens den Verdacht, dass Helms und Jünger sich kannten. Es gibt Photos von Jünger und seien Kameraden namens Helms, der »unserem« Helms sehr ähnlich sieht, bei gemeinsamen Zechgelagen im Ersten Weltkrieg. [in: Arbeiter am Abgrund. DLA Marbach, 2010]. In dem Plan die Tagebücher zu edieren bestärkt hatte mich Walter Kempowski, der Auszüge aus den Tagebüchern von Helms schon im »Echolot« verwendet hat. Er hat dann auch das Vorwort verfasst. Da war freilich noch nicht klar, dass das in einem eigenen Verlag sein wird. Das stellte sich erst nach dem Tod Kempowskis heraus. Übrigens vermisse ich seine Stimme sehr. Er hätte soviel sagen können über viel verkorkstes in der Gegenwart.
Zurück in die Gegenwart: Wie stuft der bewanderte Antiquar und Jungverleger die Gegenwartliteratur, speziell die deutschsprachige, generell ein?
Das ist schwierig, sehr schwierig, da ich die Gegenwartsliteratur gar nicht wahrnehme in ihrer Gänze. Ich komme so wenig zur Lektüre, dass die Auswahl sich fast durchweg auf jene beschränkt, die ich schon kenne. Ich kaufe alles Neue von Sibylle Berg, Helmut Krausser, Christian Kracht und ein paar anderen, aber ich überblicke nicht, was sonst so erscheint. Ich kann die Frage also nicht beantworten.
Von der Gegenwart in die Zukunft: Anfang 2011 wird das Buch »Was Du heulst, brauchst Du nicht zu pinkeln« der Autorin Heike Engel im Eisenhut Verlag erscheinen. Das Leben der sechsjährigen Wiebke wird geprägt durch Einschüchterungen, Erniedrigungen, Schläge und sexuellem Missbrauch. Wie wichtig ist Ihnen das Thema des Buches?
Sehr. Das Thema beschäftigt mich. Und das Buch ist gleichermassen brutal wie grossartig. Es ist uns sehr wichtig, dass es erscheint. Dass wir es sind, die es veröffentlichen, ist dabei nachrangig.
Die Schlussfrage: Walter Kempowski sagt über Sie, Sie seien ein Tagebuchenthusiast. Eine Aussage, die sicherlich nach der einen oder anderen Ergänzung durch Sie ruft.
Ach, das kommt schon hin. Keine andere Gattung interessiert mich so sehr wie das Tagebuch. Der Briefwechsel steht bei mir an zweiter Stelle der Lektürevorlieben, aber das Tagebuch, das ja formal keinen Adressaten benötigt, ist mir das liebste.
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Der Eisenhut, zur Gattung der Hahnenfußgewächse gehörend, zählt zu den giftigsten Pflanzen Europas. Als Namensgeber des Eisenhut Verlags auch gleichzeitig eine Art Zielvorgabe?
Der Eisenhut, Aconitum napellus, ist nicht nur die giftigste, sondern auch die heilkräftigste Pflanze Mitteleuropas. Daraus ergibt sich freilich kein Programm. Denn ein Verlagsprogramm, das Heilung oder Gift verspräche, wäre anmassend. Auch ist das nicht das, was wir vorhaben und machen. Aber auch die Beobachtung des Eisenhuts in unseren Rosen ist nicht Programm: am Eisenhut sammeln sich die Läuse, die sonst an die Rosen gehen würden. Wobei, vielleicht schon. Der Eisenhut ist unsere Lieblingspflanze und so kam es zum Verlagsnamen.
Die Idee zu einem Verlag entsteht nicht über Nacht. Wie viele Nächte sind vergangen, bis dieser aus der Taufe gehoben wurde?
Ach, eigentlich gab es die Idee schon immer. Irgendwo im Hinterkopf, im Herzen, sonstwo. Ich hatte immer als Wunschvorstellung: ein Antiquariat oder einen Verlag. Also mit den Texten umgehen, die es schon gedruckt gibt, und jene Texte veröffentlichen, die ich selbst gern lesen möchte, oder von denen ich wollte, dass andere sie lesen. Beides haben wir heute, das ist ganz fabelhaft. Im konkreten zog sich die Verlagsgründung etwas hin. Nach dem missglückten Verlagswechsel mit meinen Jüngerbüchern brauchte es einige Zeit, bis wir sicher waren, dass wir das jetzt machen wollen. Und dann war es soweit. Und schon ist ein Jahr rum, und 8 Bücher sind lieferbar und sehr viel mehr andere Titel sind in Arbeit, unter Vertrag und in Vorbereitung. Das ist schon toll.
Das Verlagsprogramm reicht von »Wortklaubereien« bis hin zur »Vampyrologie für Bibliothekare«. Gibt es einen »roten Faden« für den Verlag, oder ist Vielseitigkeit das Programm.
Nein, Vielseitigkeit als solches ist kein Anliegen. Wir haben ein Kriterium im Verlag: wir verlegen nur, was Silvia oder ich lesen wollen. Das hat zwei Gründe: den ganz einfachen, dass »all you can read« andere machen sollen und den ebenso einfachen zweiten Grund, dass wir ja bis zur Veröffentlichung eines Buches, den Text mindestens 5mal lesen müssen (Manuskriptsichtung, Lektorat, Satz, Korrektur, usw.), und wenn ich schon fast gar nicht zur Lektüre der Bücher komme, die ich lesen will und die schon gedruckt sind, so will ich jene Texte, die ich mehrfach lese, auch so auswählen, dass ich sie wirklich lesen will. Das ergiebt schon einmal eine ziemliche Siebung.
Einen Schwerpunkt des Eisenhut Verlages bilden Schriften der Gebrüder Ernst und Friedrich Georg Jünger. Beide nicht ganz unumstritten. Was sagt der JüngerKenner in Ihnen dazu?
Das mit der Umstrittenheit ist das nervigste und eigentlich auch absurdeste Vorurteil, das ich kenne, seitdem ich mich mit den Brüdern Jünger befasse. Jeder, der nicht Mainstreamblabla macht, ist umstritten. Also was soll‘s. Dass die exNazis, die ihre Vergangenheit vertuschten, wie Walter Jens, auf Jünger kiebig waren, der zwar Anfang der zwanziger Jahre, da die Nazis noch eine Splittergruppe unter vielen von diesen Nationalrevolutionären Haufen waren, da Chancen sah und bei den Nazis publizierte und auftrat, der aber schon 1926 mit der NSDAP brach, Hitler nicht zum Besuch empfing und Reichstagsmandate ebenso ablehnte wie den Sitz in der nach 1933 gleichgeschalteten Akademie der Dichtung, liegt auf der Hand. Da setzte sich fort. Umstritten ist Jünge jedenfalls vornehmlich bei denen, die ihn nie lasen und bei denen, die ihre eigenen Verstrickungen zu verbergen suchen.
Weiter im Buchprogramm: Ebenfalls erschienen ist das Tagebuch (Wilhelmshort 1945 sowie als weiterer Band Wilhelmshort 1946/47) des ehemaligen Deutsche Bank Direktors und SPDMitglieds Friedrich Helms. Einer Person, die so scheint es, selbst im Internet der Vergessenheit anheim gefallen ist. Wie wird man als Verleger aufmerksam auf dessen Tagebücher?
Die Aufmerksamkeit kam einfach: ich besitze die Originale der Tagebücher seit Mitte des Jahrzehnts. Da Tagebücher meine liebste Lektüre sind, lag es nahe, sie zu edieren. Inzwischen habe ich übrigens den Verdacht, dass Helms und Jünger sich kannten. Es gibt Photos von Jünger und seien Kameraden namens Helms, der »unserem« Helms sehr ähnlich sieht, bei gemeinsamen Zechgelagen im Ersten Weltkrieg. [in: Arbeiter am Abgrund. DLA Marbach, 2010]. In dem Plan die Tagebücher zu edieren bestärkt hatte mich Walter Kempowski, der Auszüge aus den Tagebüchern von Helms schon im »Echolot« verwendet hat. Er hat dann auch das Vorwort verfasst. Da war freilich noch nicht klar, dass das in einem eigenen Verlag sein wird. Das stellte sich erst nach dem Tod Kempowskis heraus. Übrigens vermisse ich seine Stimme sehr. Er hätte soviel sagen können über viel verkorkstes in der Gegenwart.
Zurück in die Gegenwart: Wie stuft der bewanderte Antiquar und Jungverleger die Gegenwartliteratur, speziell die deutschsprachige, generell ein?
Das ist schwierig, sehr schwierig, da ich die Gegenwartsliteratur gar nicht wahrnehme in ihrer Gänze. Ich komme so wenig zur Lektüre, dass die Auswahl sich fast durchweg auf jene beschränkt, die ich schon kenne. Ich kaufe alles Neue von Sibylle Berg, Helmut Krausser, Christian Kracht und ein paar anderen, aber ich überblicke nicht, was sonst so erscheint. Ich kann die Frage also nicht beantworten.
Von der Gegenwart in die Zukunft: Anfang 2011 wird das Buch »Was Du heulst, brauchst Du nicht zu pinkeln« der Autorin Heike Engel im Eisenhut Verlag erscheinen. Das Leben der sechsjährigen Wiebke wird geprägt durch Einschüchterungen, Erniedrigungen, Schläge und sexuellem Missbrauch. Wie wichtig ist Ihnen das Thema des Buches?
Sehr. Das Thema beschäftigt mich. Und das Buch ist gleichermassen brutal wie grossartig. Es ist uns sehr wichtig, dass es erscheint. Dass wir es sind, die es veröffentlichen, ist dabei nachrangig.
Die Schlussfrage: Walter Kempowski sagt über Sie, Sie seien ein Tagebuchenthusiast. Eine Aussage, die sicherlich nach der einen oder anderen Ergänzung durch Sie ruft.
Ach, das kommt schon hin. Keine andere Gattung interessiert mich so sehr wie das Tagebuch. Der Briefwechsel steht bei mir an zweiter Stelle der Lektürevorlieben, aber das Tagebuch, das ja formal keinen Adressaten benötigt, ist mir das liebste.