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Interview per E-Mail: Mit Gina Mayer über "Das Lied meiner Schwester" und Zeitenwanderungen

Portrait Gina MayerGina Mayer, 1965 in Ellwangen an der Jagst geboren, sagt über sich selbst, sie wandere von einem Zeitalter ins andere, von einem Thema zum nächsten, von Buch zu Buch. Und immer nur wohin sie wolle. Sie lese und erfinde und lerne und wachse. So sei es, ihr Leben. In dem jetzt im Rütten & Loening Verlag erschienenen Roman Das Lied meiner Schwester wandert Gina Mayer zurück zu den Anfängen des Faschismus mit all seinen katastrophalen Auswirkungen. Wir wollten ein wenig mehr wissen über die Entstehung des Buchs und freuen uns auf die Antworten der Autorin Gina Mayer.

Jedem Buch geht eine Initialzündung voraus. Was hat Sie bei Ihrem neuen Roman „Das Lied meiner Schwester" am meisten beschäftigt, bevor Sie sich ans Schreiben gemacht haben?

Schon im Vorgängerroman „Zitronen im Mondschein", der in den 10er und 20er Jahren des letzten Jahrhunderts spielt, habe ich mich viel mit der Musik der damaligen Zeit beschäftigt. Als ich danach ein neues Romanthema suchte, stieß ich bei meinen Recherchen zufällig auf die NS-Ausstellung „Entartete Musik", die 1938 in Düsseldorf stattgefunden hat. In dieser Ausstellung waren alle meine Lieblingskomponisten und -musiker vertreten, um danach für immer in der Versenkung zu verschwinden. Zumindest wenn es nach den Plänen der Nationalsozialisten gegangen wäre. Ich wusste sofort, dass ich daraus ein Buch machen wollte.

Der Roman spielt zu einer Zeit, die Sie nicht selbst erlebt haben, die Sie jedoch atmosphärisch unheimlich dicht beschreiben. Welche Voraussetzungen waren notwendig für diese literarische Zeitreise?
Ich habe natürlich viel gelesen – Bücher über diese Zeit und Bücher aus dieser Zeit. Ich war in Archiven und habe mir Bilder angesehen und bin die Straßen und Gegenden, in denen mein Roman spielt, immer wieder abgegangen. Aber am stärksten beeinflusst und beeindruckt haben mich die Gespräche mit Menschen, die die Zeit selbst erlebt haben. Die meisten meiner Gesprächspartner waren in den dreißiger Jahren noch Kinder, aber für die Atmosphäre des Buchs waren ihre Berichte und Erzählungen unschätzbar wichtig.

Es war eine bitterlich dunkle Zeit, in der ihre Protagonist/Innen agiert und gelebt haben oder ihr Leben lassen mussten. Wie sehr waren Sie diesen innerlich während des Schreibens des Romans verbunden?
Sehr. So ein Thema lässt einen nicht los. Es verfolgt einen bis in die Träume hinein. Meine Protagonisten kamen mir sehr nahe, aber das ist eigentlich bei allen meinen Romanen so. Am Anfang sind wir uns noch fremd, aber dann lernen wir uns – Seite für Seite – besser kennen. Bis wir am Schluss als Vertraute auseinandergehen.

Zu schreiben, sich an einem Thema „abzuarbeiten", ist immer mit Emotionen verbunden. Wieviel Kraft kostet es, ein Buch wie „Das Lied meiner Schwester" zu schreiben?
Es ist ein langer, zäher und aufreibender Prozess. Allein die Fülle der Informationen zu erfassen, zu werten und umzusetzen. Die Gespräche zu verdauen. Die Selbstzweifel zu überwinden. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob mein Vorhaben nicht zu voyeuristisch ist. Geht das, darf man das überhaupt – einen Unterhaltungsroman über diese Zeit, über dieses Thema schreiben? (Ein Teil von mir zweifelt immer noch)

Die letzte Frage ist der Neugier und Vorfreude geschuldet: Gibt es bereits Pläne für Ihre nächste persönliche Zeitreise? Und wenn ja, wo könnte/wird diese hinführen?
Es ist noch nichts beschlossen oder gar unterschrieben. Aber für mich persönlich verdichtet sich die Entscheidung immer mehr, mich in meinem nächsten Roman der Nachkriegszeit zuzuwenden. Die Jahre nach 45, diese Trümmerfrauenwelt, in der alles ruiniert und zerstört war, der Hunger, der Überlebenswillen, die Anarchie. Ich denke, darüber werde ich schreiben.

Backlink-Liste: Gina Mayer im Internet • Rezension: Das Lied meiner SchwesterInfos zur Ausstellung "Entartete Musik

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