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Wolf Wondratschek - St. Tropez und andere Erzählungen. (Rezension)

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Es ist schon verdammt lang her, seit ich den literarischen, zunächst lyrischen Pfaden Wolf Wondratscheks gefolgt bin, nachdem Marcel Reich-Ranicki mich mit folgenden – oder zumindest ähnlich klingenden Statement auf den Autor aufmerksam gemacht hat: Mir deucht, das ein oder andere Gedicht dieses jungen Mannes wird uns in Erinnerung bleiben. Dabei bezog er sich wohl auf den Gedichtband „Carmen. Die Einsamkeit der Männer“ oder einprägsamer: Ich bin das Arschloch der Achtziger. Jahre später habe ich den autobiografischen Roman „Einer von der Straße“ gelesen. Die Geschichte eines Mannes, der nach dem zweiten Weltkrieg ins Rotlichtmilieu rutscht, der schon auch mal mit Cher unterwegs war und von dem man sagt, er habe einst die Peep-Show, deklariert als Kleinkunstbühne, nach Deutschland gebracht.


Die nächste Begegnung mit Wolf Wondratschek: St. Tropez und andere Geschichten. Fast drei Jahre lang lag das Buch, 2005 erstmals erschienen, in meinem Regal, bevor ich es gelesen habe. Keine Ahnung warum erst so spät, aber egal. Auf jeden Fall ist es interessant, den Mann über diese drei Etappen gelesen zu haben. Seine 5 Geschichten wirken so auf mich, wie Wolf Wondratschek auf mich wirkt, ohne ihn persönlich zu kennen: Voller Weisheit, Lebensliebe und dem Blick eines Beobachters, dessen Neugier kein Stück nachgelassen hat. Und: In gewisser Weise beeinflusst von Wien, seiner Wahlheimat.

Da ist der Schriftsteller, der die Winter häufig in St. Tropez verbringt zu einer Zeit, in der die Straßen leer sind, die Touristen wo anders oder Zuhause sind und sich dieser Schriftsteller auf sich selbst und auf einen Jungen konzentrieren kann, der wie ein ausgebüchster Hund durch die Straßen der Hafenstadt streunt. Da ist der Feuerwehrmann, dessen Leben im wahrsten Sinne des Wortes aus den Fugen gerät. Einer Veränderung, der weder er, seine Frau noch seine Feuerwehrkollegen irgendwie wirklich gewachsen sind:

Welche Erklärung hätte es geben können? Der Herrgott hatte sich geirrt, er hatte ganz einfach einen Fehler gemacht; und der Feuerwehrmann war das Opfer dieses Irrtums. Er war ganz gegen seinen Willen in ein anderes Leben getreten – und gleichzeitig mit allen Kräften, über die er verfügte, auf der Flucht davor. Eine Chance gab es für ihn nicht. Unmöglich, den Launen und vor allem den Größenverhältnissen von Empfindungen, wie Sie Mozart in Menschen auslösen kann, gewachsen zu sein.

Wolf Wondratschek erzählt die Geschichte eines russischen Mädchens, mit der sich ein Arzt auf eine zunächst nicht erkennbare Art und Weise verbunden, ja, im Grunde verpflichtet fühlt, um dieses literarisch spekulative Geheimniss doch zu lüften. Er erzählt die Geschichte eins einsamen Menschen und nicht zuletzt die eines chinesischen Geigenvirtuosen, dessen Talent durch biedere und kleingeistige Prinzipienreiterei vergeudet wird und diesen auf eine betrügerische, von Lügen durchzogene Bahn entgleiten lässt.

Im Klappentext ist zu lesen, dass Wolf Wondratschek Lebensgeschichten schreibe. Sie erzählen von Menschen, deren Leben sich gegen ihren Willen selbstständig macht und sie bedroht. Das gelingt Wolf Wondratschek in meinen Augen vorzüglich, weil seine Sprache durchdacht ist, fein komponiert und – in Ergänzung zu den durchaus gelungenenKurzsatzpassagen einer Judith Herrmann oder eines Peter Stamm – eine willkommene literarische Abwechslung sind:

Verlangen Sie keine Erklärung. Es mischt sich in das Schicksal mancher Menschen eine Bestimmung, die einer Willensentscheidung so ähnlich ist wie einem Wunder. Unmöglich, nachträglich Klarheit zu schaffen zu wollen, welche Kraft der jeweils anderen zuvorkommt.

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