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Urs Augstburger: Graatzug (Rezension)

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[Klappentext] Urs Augstburger, geboren1965 in Brugg, Journalist, lebt und schreibt in Ennetbaden (Aargau). 1997 erschien sein erster Roman "Für immer ist morgen". Es folgten 1999 "Chrom" und 2001 der Durchbruch mit dem Bergroman "Schattwand". 2004 erschien mit «Gatto Dileo» sein zweiter Erfolgsroman [...]




"Als das Lampenfett ausging, zündeten die Tanzenden Schnee an. Das Böse hatte seine Hand im Spiel, der Ort war verflucht. Verflucht wie die jungen Paare, die bald starben und im Graatzug, hinauf ins ewige Eis um Vergebung tanzen mussten."

Vorwort: Neben dem Graatzug ein weiterer, zentraler Begriff: Der Merkhammer – eine Vorrichtung, die es den früheren Bergbewohnern ermöglichte, die Funktionsfähigkeit Ihrer in mühevoller Handarbeit dem Berg abgerungene Kanalsysteme akkustisch zu kontrollieren. Verstummte das Toggen, mussten sich die Bewohner auf den Weg machen, das Wässerwasser – häufig unter Lebensgefahr – wieder zum Fließen zu bringen.

Zum Inhalt: Nichts bleibt wie es war, auch nicht in dem Dorf Plon, versteckt und abgeschieden gelegen in einem Tal im schweizerischen Teil der Walliser Alpen. Mit dem Bau einer gewaltigen Staumauer (die Wand so hoch wie der Eiffelturm) durch die "Elektrischen" hält der Fortschritt Einzug. Mit all seinen Konsequenzen für die Bewohner wie auch die Natur selbst. Die Schatten im Tal werden länger - und dunkler.

Urs Augstburger erzählt im zweiten Teil seiner Bergroman-Trilogie nach Schattwand die dramatische Geschichte der Familien Bohrer und Rothen aus dem Dorf Plon, die über drei Generationen hinweg in den Sog der Wandlung geraten. Joseph Bohrer verbindet die Geschicke seiner Familie mit denen der Kraftwerksbetreiber. Ein Familienimperium entsteht. Pius Rothen dagegen weigert sich, sein "Seegut", am Ufer des Plonsees gelegen, den Plänen der "Elektrischen" wie er sie abfällig nennt, zu opfern. Zu sehr ist er in der über Jahrzehnte hinweg entstandenen Tradition gefangen, vielleicht auch in seinem Stolz – und wird am Ende alles verlieren: Seinen Sohn Arnold, das Seegut und letztlich sein Leben.

Geschickt verwebt Urs Augstburger zwei Erzählebenen, die nahezu 40 Jahre auseinander liegen: Die Gegenwart und die Zeit der Entstehung der Staumauer in den Sechzigern mitsamt den dazugehörigen Kanalsystemen, die durch Mineure in den Berg getrieben werden mussten. Einer der Mineure: Arnold Rothen, der nach dem tragischen Tod seiner Frau während der Geburt des Sohnes Xeno Rothen vom Seegut und vor seinen eigenen Erinnerungen flüchtet und sich am Gamplüter Stollen verdingt. Er wird nicht mehr heimkehren. Was bleibt, sind seine Briefe von der Arbeit im Stollen, von den unerträglichen Bedingungen, vom Kampf gegen die Zeit und für die von den Kraftwerksbetreibern ausgeschriebenen Prämien. Vom schleichenden Tod durch den Staub im Stollen und vom schnellen Tod durch tragische Unfälle.

Nachhaltig geprägt von den Ereignissen 40 Jahre zuvor setzt sich die Geschichte der beiden Familien in der Gegenwart fort. Das Tal im Wallis und seine Menschen kommen nicht zur Ruhe. Silvan Bohrer hat das Erbe seines verstorbenen Vaters Joseph Bohrer übernommen. Die gebürtige Plonerin Lena Amherd kehrt als kompromisslose Umweltschützerin zurück ins Tal, um die Einhaltung der Umweltauflagen durch die Kraftwerksbetreiber zu überwachen. Zunächst legt sie sich auch mit Silvan Bohrer an. Bis eines Tages das längst verstummte Toggen der Merkhämmer das Tal durchdringt. Xeno Rothen, Sohn des in den Sechzigern im Gamplüter Stollen verunglückten Arnold Rothen, selbst vor vielen Jahren nach Chile ausgewandert, ist zurück. Zurück um den Tod seines Vaters zu rächen. Vielleicht war es aber auch nur die Seele Xeno Rothens, die im Graatzug auf dem Weg hinauf ins ewige Eis um Vergebung tanzen musste.

Fazit: Nicht nur mit einem präzisen literarischen Blick entwirft Urs Augstburg die Chronik zweier Walliser Familien. Er lässt traditionelle Bergmythen auferstehen, verbindet diese mit der Geschichte der Gegenwart, ohne je den Respekt zu verlieren, weil er diese trotz Globalisierung irgendwie in sich geschlossene Walliser Bergwelt mit ihren Eigenheiten wohl sehr genau kennt. Und - das vermute ich - weil Urs Augstburger sehr wohl weiß, dass die Natur - nicht nur im Wallis - aus ihren ureigenen Fugen geraten wird, wenn der Mensch ihr zu sehr zusetzt. Und wenn der Mensch dem Mensch zu sehr zusetzt.

Im Büchershop: Schattwand Wässerwasser
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