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Rezensionen
Torsten Preuss: Verliebt. Verlobt. Verheiratet (Rezension)
Geschrieben von: daswortreich Mittwoch, den 08. April 2009 um 22:35 Uhr
Vor einiger Zeit befand ich mich in einem Diskurs mit dem Autor über das Äußere seines Buches. Es ist ein wenig unkonventionell gekleidet. Etwas bissiger, aber immer noch diplomatisch formuliert: Bei einem aufgeklappten Buch sieht man den Einband nicht und kann sich auf den Inhalt konzentrieren. Torsten Preuß ist in Dresden aufgewachsen, immer mit dem Ziel vor Augen, den "eisernen Vorhang" von der anderen Seite zu begutachten. Das ist ihm gelungen. Sein Weg führte von Dresden, dem Tal der Ahnungslosen über Westberlin bis nach Australien und zurück. Gegenwärtig lebt Torsten Preuss mit seiner Familie wieder in Dresden.
Torsten Preuß hat seine Biografie in einen 589-seitigen Roman verpackt. Die Geschichte fängt an in einem Land, das es in dieser Form und mit den damals installierten Stasi-Strukturen zum Glück nicht mehr gibt. Im Wesentlichen, vielleicht ist es daher auch ein Liebesroman, schreibt Torsten Preuß über "seine Ballkönigin", die große Liebe, die er gefunden hat in einem kleinen Land, das sich DDR nannte.
Wie es Biografien an sich haben, hübscht Torsten Preuß diese Liebe vielleicht ein wenig auf, lässt die alltäglichen Probleme beiseite, vielleicht gab es diese tatsächlich nicht. Umso eindringlicher jedoch setzt er durch die Dokumentation der Willkür entscheidende Kontrastpunkte: Eine Familie darf keine Familie mehr sein, weil es den Behörden nicht passt, wenn diese Familie einen Ausreiseantrag stellt. Eine Familie als kleinste zwangsgenossenschaftliche Einheit in das Korsett der Diktatur gepresst, die alle bisher dagewesenen Überwachungsmechanismen in den Schatten stellt.
Torsten Preuß schreibt von der ersten Berührung mit der Willkür als Kind, dessen Großeltern in der Grenzzone wohnten, der Zone in der Grauzone, die sich geografisch auf Tuchfühlung mit dem Westen befand. Er schreibt von seiner Jugendzeit in Dresden, gleichermaßen im Kontext und Kontrast zu den politischen Verhältnissen. Es wird viel getrunken und gefeiert. "Für Diktaturen sei es üblich, dass, wenn es etwas reichlich und günstig gäbe, sei es der Alkohol" erwähnt er irgendwann.
Minutiös schreibt Torsten Preuß über die alltäglichen Verwicklungen, in die er mit seiner Ballkönigin und seinem Sohn gerät. Bis zum dem Moment, in dem sich der eiserne Vorhang zur Seite schiebt und ihm den Weg nach Westberlin freigibt. Das macht die Sache nicht einfacher. Im Gegenteil. Seine Familie und seine Freunde zurücklassen zu müssen, ist ein Gedanke, ein Gefühl, dass man kaum "nachdenken" und nachfühlen kann. Da hilft kein "das kann ich gut verstehen", weil es nicht der Wahrheit entspricht.
Torsten Preuß steht dem Westen nach dem "Auszug" keineswegs unkritisch gegenüber. Der Westen sei nicht das Paradies, aber immer noch die bessere der beiden innerdeutschen Versionen. So ähnlich ließe sich wohl sein Empfinden einschätzen. Für mich persönlich war seine Frage danach, warum es in Kaufhäusern zig verschiedene Sorten Erdbeerjoghurt gäbe, sehr symbolisch. Selbst wenn diese Frage höchstens marginalen Charakter besitzt, sagt sie viel aus. Dazu weiß Torsten Preuß einiges aus eigener Erfahrung zu schreiben über den Ablauf der offiziell propagierten Familienzusammen- führungen, in die letztlich Helmut Kohl, Franz-Josef Strauss und der DDR-Anwalt Jochen Vogel involviert waren. Die beiden erstgenannten nicht persönlich, politisch schon.
Einer der Schwachpunkte des Romans sind die Briefe, die Torsten Preuß an seine Ballkönigin schreibt. Vom Westen aus. Zu viele Wiederholungen, die ganz sicher die persönlichen Empfindungen, die sich durch die Trennung unendlich vervielfachend wiederspiegeln, den Leser jedoch aus dem biografischen Roman herausreissen. Vielleicht wäre es eine gute Idee gewesen, mit den Briefen ähnlich zu verfahren wie Ingo Schulze in seinem großartigen Roman "Neue Leben". Nur eben umgekehrt. Dort wo Ingo Schulze die Schreibversuche seines Protagonisten Enrico Türmer platzierte, nämlich im Anhang, dort wäre ein guter Teil der Briefe Torsten Preuß' eventuell besser aufgehoben gewesen, ohne sie gänzlich aussen vor zu lassen.
Geschrieben hat Torsten Preuß trotz aller Kritikpunkte einen grandiosen Roman, einen Roman über die DDR, über das Leben in einem eingemauerten und umzäunten Land. Über die Liebe, über Willkür, über die Macht der Funktionäre, die Allmacht der Stasi, die eigene Ohnmacht und die des Westens. Authentisch weil biografisch und damit ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument. Nichts anderes hat wohl auch Ingo Schulze getan. Ein innerdeutscher Roman, der tief in die Absurdität beidseitig der Mauer eintaucht und keinen Platz lässt für die Verklärung und Verniedlichung einer Diktatur und deren Auswirkungen auf die Menschen. Ich gehe sogar so weit zu behaupte, dass sich Torsten Preuß' "Verliebt, verlobt, verheiratet?" in einer überarbeitetn Version und mit entsprechendem Cover als Schullektüre eignen könnte, für die Generation, die die DDR nur noch vom Hörensagen kennt








