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Rezensionen
Stephan Thome: Grenzgang (Rezension)
Geschrieben von: Andreas Schneider Donnerstag, den 08. April 2010 um 22:30 Uhr
Zum Inhalt: Alle 7 Jahre wird in dem hessischen Dorf Bergenstadt im provinziellen Niemandsland drei Tage lang der Grenzgang gefeiert. Selbstvergessen – irgendwie – und fernab einer Welt, deren Distanzen durch den Fortschritt immer kleiner geworden sind. Man feiert eine Jahrhunderte alte Tradition mit durchaus ernstem Hintergrund (weil Grenzen immer etwas ernsthaftes an sich haben) und man feiert sich selbst, weil es sonst eher wenig zu feiern gibt der Zeit dazwischen.
Eingebettet in diesen Akt erzählt Stephan Thome die Geschichte von Kerstin Werner und Thomas Weidmann. Beide im vierten Lebensjahrzehnt angelangt, beide – irgendwie – gescheitert. Sie mit einer Ehe, in der der Mann und Vater des gemeinsamen Sohnes Daniel (mit 16 ein altersspezifisch renitentes Bürschchen) in Bezug auf sein eigenes Scheitern Kompensationskosmetik mit einer jüngeren Geliebten betreibt. Dazu die demenzerkrankte Mutter am Ende des Lebens angelangt. Er, Thomas Weidmann, nach einem misslungenen professoralen Abstecher nach Berlin geläutert als Lehrer nach Bergenstadt zurückgekehrt, es sich selbst – irgendwie – in der Rolle eines zynischen Bildungsbürgers gemütlich macht. Ein durch eines der Fenster des Lehrinstituts in Berlin geworfener Stein als Bruchstelle zum Ausflug ins Fremde.
Alles ist eben irgendwie. Weder Fisch noch Fleisch. Mal bestimmt man selbst die Richtung im eigenen Leben, mal wird sie durch unwägbare Strömungen bestimmt. Stephan Thome schafft es dabei, die Romanmenschen als Stellvertreter – irgendwie – für uns selbst, für die Generation so um die Vierzig agieren zu lassen: Einmal im Leben können wir uns wandeln, danach nur noch verstellen.
Dass die Reise in einen abgelegenen Swingerclub Richtung Gießen führt, hätte mich beinahe davon abgehalten, den Roman zu lesen. Zum Glück nur beinahe, denn, so vermute ich, will Stephan Thome mit diesem Schlenker in die mit der Zeit ehelich verblassenden sexuellen Abgründe nicht billig provozieren: Selbst dort, wo er sich als Autor selbst die literarische Möglichkeit eingeräumt hat, ein wenig auf den die Auflage steigernden Pornoputz zu hauen, kümmert er sich ausschließlich um das seelische Innenleben seiner Protagonist/Innen:
Langeweile reicht als Antwort nicht aus. Frustration, Vernachlässigung, Einsamkeit oder die berühmte Torschlusspanik – nichts davon scheint auf Karin Preiss zuzutreffen, also bleibt nur die Banalität: Wir tun es, weil wir es können. Wir suchen nach Gründen, es nicht zu tun, finden keine und tun es also. Oder finden welche, aber tun es trotzdem. Möglichkeiten sind Einladungen, die sich nicht ausschlagen lassen.
Fazit: Stephan Thome hat ein gleichzeitig großartiges und gefährliches Romandebüt hingelegt. Großartig, weil er Sätze, Gedanken und Gefühle in Worte fasst, seinen Romanmenschen klug, aber keineswegs besserwisserisch auf den Leib schreibt. Das Scheitern als unabdingbares Lebenselixier, in dem die Vorfreude als Vogel mit kleinen Flügel präsent ist, dem es schwer fällt, sich länger in der Luft zu halten. Die Melancholie des Scheiterns ohne sich selbst aufzugeben. Gefährlich deswegen, weil sich Leser/Innen genau überlegen sollten, wann sie dieses Buch lesen, weil Grenzgang wie ein Spiegel ohne Weichzeichner funktioniert: Ein wenig Mut gehört also dazu.
Im Büchershop: Grenzgang








