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Siegfried Lenz - Schweigeminute (Rezension)

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Es ist ein wunderbares Buch, von dem Marcel Reich-Ranicki völlig zurecht sagt, dass es vielleicht das poetischste Buch des Autors sei und man sich bei Ihm für dieses Buch bedanken müsse. Siegfried Lenz schafft es, mich auf knapp 130 Seiten zu berühren, mich im übertragenen Sinn an der Hand zu nehmen und in eine andere Gefühlswelt zu begleiten, die wie ein vergessener Kontinent hinter dem dichten Vorhang des Alltags verschwunden ist. Auch dafür sind Bücher da. Die Geschichte, eine Liebesnovelle, so würde ich sie einstufen, ist schnell rekapituliert, birgt jedoch eine unausgesprochene Pikanterie in sich, auch heute noch in Zeiten fortschreitender Tabubrüche, weil sie nicht nur nicht gerne gesehen, sondern selten bis gar nicht geduldet wird: Die Liebe zwischen dem Schüler Christian und der Englischlehrerin Stella Petersen. Eine Liebe, die durch den Tod ein abruptes Ende findet, oder, wie im Klappentext geschrieben, vielleicht erst durch den Tod unsterblich wird.

Siegfried Lenz arbeitet virtuos auf zwei literarischen Ebenen: Die Schweigeminute während der Trauerfeier für die Verstorbene: Fixpunkt in der Gegenwart und Ausgangspunkt für die Erinnerungen Christians an die gemeinsame Zeit mit Stella Petersen:

Daß empfohlenes oder angeordnetes Schweigen unterschiedlich ertragen wird, konnte man an den Gesichtern in unserer Aula ablesen; die meisten Schüler suchten nach einer Weile Blickkontakt zu ihren Nebenleuten, einige traten auf der Stelle, ein Junge betrachtete sein Gesicht in einem Taschenspiegel, einen sah ich, dem es anscheinend gelungen war, stehend einzuschlafen, ein anderer starrte mitunter auf seine Uhr: Je länger das Schweigen dauerte, desto deutlicher wurde es, daß es für etliche zu einer Aufgabe wurde, diese Zeit zu durchstehen oder ohne Folgen hinter sich zu bringen. Ich sah auf dein Photo, Stella, ich stellte mir vor, wie du auf das empfohlene Schweigen reagieren würdest, wenn du es könntest.

Aus dieser Schweigeminute heraus wagt sich Christian als Erzähler zurück in das Labyrinth der Erinnerungen. Er taucht ein in sein eigenes Leben in einem Dorf an der Ostsee, zu einer Zeit, in der Ray Charles und Benny Goodman in den Hitparaden zu finden waren. Und er taucht ein in die gemeinsamen Momente mit Stella, von einer poetischen Intensität geprägt, ohne in Kitsch abzudriften oder gar voyeuristische Leserbedürfnisse zu befriedigen. Ja, man kann (und muss) auch Leser kritisieren in Zeiten, in denen Titel wie „Feuchtgebiete“ zum Bestseller werden.

Ich legte eine Hand auf ihre Schulter und spürte das Verlangen, ihr etwas zu sagen, gleichzeitig hatte ich nur den Wunsch, die Berührung dauern zu lassen, und dieser Wunsch hinderte mich daran, ihr anzuvertrauen, was ich empfand. Aber dann erinnerte ich mich, was sie mir als Lektüre für die Sommerferien empfohlen hatte, und ich fand nichts dabei, Animal Farm zu erwähnen und sie zu fragen, warum sie gerade diesen Titel aufgegeben hatte. „Ach Christian“, sagte sie wiederum, und mit nachsichtigem Lächeln: „Es wäre vorteilhaft, wenn Sie selbst darauf kämen.“ Ich war nahe daran, mich für meine Frage zu entschuldigen, denn mir wurde klar, daß ich sie in diesem Augenblick zu meiner Lehrerin gemacht hatte, ich hatte ihr die Autorität zuerkannt, die sie in der Klasse besaß; hier aber hatte meine Frage einen anderen Wert, und auch meine Hand auf ihrer Schulter hatte in dieser Situation eine andere Bedeutung, als sie es an einem anderen Ort gehabt hätte, hier hätte Stella meine Hand als einen Versuch verstehen können, sie nur zu besänftigen, zu beruhigen, und sie duldete es auch, als meine Hand sanft über ihren Rücken fuhr; auf einmal jedoch warf sie den Kopf zurück und sah mich überrascht an, gerade so, als hätte sie unverwartet etwas gespürt oder entdeckt, womit sie nicht gerechnet hatte.

Auch von meiner Seite aus vielen Dank an Siegfried Lenz für dieses Buch.

Bliebe zum Schluss eine erwähnenswerte Randnotiz: Der Verlag Hoffmann und Campe hat sich mit dem Umschlag Mühe gegeben. Zum einen mit einem Motiv, dass an einen Ort erinnert, an dem Christian und Stelle einen Moment verbracht haben und, das sage ich jetzt aus der Sicht des Werbers, der ich einmal war, aber irgendwie immer noch bin: Der Verlag hat das Buch mit einem doppelten Schutzumschlag versehen. Dem erstgenannten und dem, der sich darunter versteckt und durchzieht bei allen Auflagen und Neuauflagen im Zusammenhang mit Siegfried Lenz. Eine schöne Idee.

Backlink-Liste: Der Titel im Büchershop


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