Navigationspfad (Breadcrumb)
Start
Magazin
Rezensionen
Linda Stift - Stierhunger (Rezension)
Geschrieben von: daswortreich Dienstag, den 05. Mai 2009 um 16:24 Uhr
Stierhunger ist ein anderes Wort für Bulimie. Daran leidet die Ich-Erzählerin dieses Romans. Aber der Reihe nach: Vor einer Konditorei lernt eine junge Frau eine alte Dame mit großer Ähnlichkeit mit der Kaiserin Elisabeth kennen und wird von ihr zu einem Gugelhupf eingeladen. Die alte Dame nennt sich Frau Hohenembs (es wird im Buch nicht erklärt, aber das ist der Name, den die Kaiserin Elisabeth benutzte wenn sie inkognito verreiste) und hat eine ihr treu ergebene Dienerin namens Ida. Auch das wird nicht näher ausgeführt, eine der ungarischen Hofdamen der Kaiserin war Ida von Ferenczy.
Die Bekanntschaft intensiviert sich innerhalb kürzester Zeit, fast gegen den Willen der jungen Frau. Frau Hohenembs lädt sie schon am nächsten Tag zu einem Picknick im Prater ein, daran schließt sich ein Besuch im (in der Realität längst geschlossenen) Sexmuseum - ausführlich und köstlich beschrieben. Damit beginnt ein Reigen äußerst eigenartiger Unternehmungen: der Diebstahl einer Entenpresse, die ursprünglich Sisi gehört hatte, aus einem Museum, die Sprengung des Elisabeth-Denkmals im Volksgarten, die Entwendung der Kokain-Spritze der Kaiserin, der illegale Abtransport eines Gedächtnis-Paravents, das Einschmuggeln des konservierten Kopfes von Lucheni in das Museum im "Narrenturm" und als krönender Abschluss, die Wahl der jungen Frau zur "Miss Sisi 2007".
Gleichzeitig erleidet die Hauptperson aber einen Rückfall in ihre längst überwunden geglaubte Bulimie (ausführlich beschrieben, eine literarische Verarbeitung dieser Krankheit habe ich sonst noch nirgends gefunden) und wird immer isolierter. Sie verliert durch merkwürdige Umstände ihre Wohnung und zieht bei Frau Hohenembs und Ida ein. Dadurch gerät sie in eine immer stärkere Abhängigkeit, der sie sich durch Flucht entziehen will, was ihr nicht glückt. Sie wird zurück gebracht, das Buch endet damit, dass ein weiteres Mädchen zum Gugelhupf geladen wird.
Abgerundet werden die Sisi-Anspielungen (Frau H trinkt Fleischsaft, achtet penibel auf ihre Figur, hat Ringe zum Turnen in ihrer Wohnung, liebt Heine, lernt Griechisch,...) durch kursiv gesetzte Texte, die sich direkt auf die Kaiserin beziehen und offensichtlich von einer Hofdame stammen. Ob hier nur auf Ida Bezug genommen wird oder ob es sich um eine Mischung sämtlicher ungarischer Hofdamen Sisis handelt, kann ich mangels genauerer historischer Kenntnisse nicht beurteilen.
Ein tolles Buch - einerseits phantastisch, andererseits unglaublich genau und realistisch, in einer sehr klaren präzisen Sprache geschrieben. Ich habe es innerhalb kürzester Zeit "verschlungen" und bin begeistert.
Backlink-Liste: Im Büchershop Blog von Elsabeth Pratscher








