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Katharina Hagena - Der Geschmack der Apfelkerne (Rezension)

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Gleich vorweg: Katharina Hagena ist ein großartiger Roman gelungen. Ein Familienroman über den Tod, die Erinnerung und das Vergessen, über Süddeutschland und Norddeutschland. Dabei hat sie dem Buch „Der Geschmack der Apfelkerne“ keine große Geschichte mit auf den Weg gegeben, sondern eine mit feinen Nuancen, sprachlich sorgsam erzählt, vorangetriebenen mit wunderbaren literarischen Sätzen; spektakulär, weil unspektakulär.

Der Tod der Großmutter führt Iris aus Süddeutschland zurück in den Norden, ins flache Land, dort, wo die Sommer nicht wirklich heiß und die Winter nicht wirklich kalt sind. Dort, wo sie während ihrer Kindheit viel Zeit verbracht hat während den Ferien. Überraschend erbt sie das Haus der Verstorbenen, vielleicht, weil diese instinktiv gespürt hat, wie sehr Iris dieses Haus geliebt hat. Iris bewegt sich vorsichtig durch die Zimmer, immer auf dem Sprung, eine Reise in die Vergangenheit zu machen, die, man spürt es schnell, durch den frühen Tod der Kusine Rosmarie überschattet wird. Ein Schleier unbeantworteter Fragen, der sich um jeden ihrer Gedanken legt, gleichzeitig ein Blick in die Dorfgeschichte, die Familienchronik und die eigene Kindheit:

Zwischen Johannisbeeren und Brombeergestrüpp lag der wildere Teil des Gartens. Doch er hatte sich schon ganz in seine Schatten zurückgezogen. Hinter dem Garten begann das Kieferwäldchen. Der Boden hier war rostrot und bestand nur aus herabgefallenen Nadeln. Jeder Schritt federte lange und lautlos nach, und man ging dort wie verzaubert, bis man an der anderen Seite auf die große Obstbaumwiese hinaustrat. Früher hatten Rosmarie, Mira und ich alte Tüllgarinden zwischen die Bäume gehängt und uns Feenhäuser gebaut, in denen wir dann lange und komplizierte Liebesdramen spielten. Zuerst waren es nur Geschichten von Prinzessinnen, die von einem ungetreuen Kämmerer entführt und verkauft worden waren, nach jahrelangem Frondienst ihren grausamen Pflegeeltern zu entkommen vermochten, nun im Wald wohnten und dort durch einen glücklichen Zufall ihre richtigen Eltern wieder trafen.

Katherina Hagena entfaltet in ihrem Debut-Roman eine erstaunliche Erzählkunst. Elegant verknüpft sie die Gegenwart mit der Vergangenheit, Erinnerung mit Vergessen, denn, es ist der Lauf der Dinge, es sind beide, Erinnerung und Vergessen untrennbar mit dem Tod verknüpft, dem wir alle begegnen werden. Früher oder später. Aber auch jener Phase vor dem Tod, die, wie bei der verstorbenen Großmutter, hauptsächlich durch Vergessen und auch Verlernen geprägt ist. Das nicht mehr Erinnern können oder wollen an Namen, Orte, Dinge und deren Bestimmung.

Würde man mich fragen, welches Lesegefühl bei der Lektüre von „Der Geschmack der Apfelkerne“ entstanden ist, würde der Begriff Melancholie wohl am meisten zutreffen. Ich spüre mit jeder Seite die Vergänglichkeit, die uns im realen Leben umgibt, aber auch den Mut, der in uns präsent ist, der Mut, das Leben weiter in die eigene Hand zu nehmen, es zu gestalten, wenn es sein muss, neu zu erfinden, so lange es geht.

Katharina Hagena’s literarische Karriere begann übrigens mit einem Anruf aus dem Mare Verlag. Dort hatte man ihre Dissertation über einen der bedeutendsten und wohl auch schwierigsten Romane des 20. Jahrhunderts: James Joyces „Ulysses“ gelesen und – so einfach kann der Literaturbetrieb manchmal sein – ein Buch bestellt. Entstanden ist „Was die wilden Wellen sagen – der Seeweg durch den Ulysses“.

Ich hoffe, das Telefon wird noch oft bei Katharina Hagena klingeln.

Backlink-Liste: Der Titel im Büchershop

 


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