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Jan Christophersen - Schneetage

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Jan Christophersen wurden 1974 in Flensburg geboren. Aktuell lebt er mit seiner Familie in der Nähen von Schleswig. Wie in den Kieler Nachrichten im Januar nachzulesen war, wollte Jan Christophersen zunächst Musiker werden. Das Problem: Aus den ursprünglich angedachten Songtexten entwuchsen letztlich Geschichten. Der nahe liegende Entschluss wurde gefasst, ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig zu absolvieren. Schneetage ist Jan Christophersen's Debutroman.

Zwischen manchen Büchern und mir übrigens entsteht eine Art literarische Liebesbeziehung bereits vor dem Lesen. Der Blick auf den Titel, die Coverabbildung und die Art der Bindung sind die "Liebesfaktoren". In diesem Zusammenhang, bevor ich zum Inhalt komme, ein Kompliment an den Mare-Verlag: Schöner kann man ein Buch inklusive Schutzumschlag und Lesebändchen kaum auf den Markt bringen. Ein Plädoyer für das gedruckte Buch.

Zum Inhalt: Jan Christophersen siedelt seine Geschichte "Schneetage" an der deutsch-dänischen Grenze an. Sie beginnt mit einer Wetteransage, in der Schnee vorausgesagt wird. Es wurde ungewöhnlich viel Schnee, der den Norden Deutschlands 1978/79 unter sich begrub und in ein Katastrophengebiet verwandelte. Man war nicht darauf vorbereitet so weit oben im Norden. Überhaupt so Jan Christophersen in einem Interview, sei die Schneekatastrophe sehr präsent bei den Leuten in Norddeutschland, jeder habe eine Geschichte zu erzählen gehabt: Wo er eingeschneit war, wie lang der Strom fehlte.

Zentrum ist die Wirtsstube Der Grenzkrug mit zugehörigen Gästezimmern in dem nordfriesischen Dorf Vidtoft, einem fiktiven Ort, der doch sehr real wirkt. Die Gastfamilie, und manchmal auch die Gäste, sind Jan Christophersens Protagonisten. Im Zentrum des literarischen Universums: Die Chefin, Paul, Jannis, Nils und Nane sowie ein Maler, der als erster Gast irgendwann im Grenzkrug auftauchen wird.

Während der Schneetage geschieht es, dass Paul auf Grund eines bereits seit längerer Zeit währenden Herzproblems zusammenbricht und in ein Krankenhaus eingeliefert werden muss. Tage der Angst beginnen, gleichzeitig der Anlass für Jannis als Erzähler, sein Leben in und mit dem Grenzkrug und den Mitbewohnern Revue passieren zu lassen. Stück für Stück setzt Jannis das typische Puzzle einer Nachkriegs-Patchwork-Familie zusammen, das nahezu 40 Jahre umspannt. Im Mittelpunkt - Paul. Paul, der nach dem zweiten Weltkrieg und einer anschließenden Kriegsgefangenschaft nach Vidtoft kommt, weil er mit der "Chefin" über die Jahre hinweg eine Soldaten-Brieffreundschaft geführt hat. Eine Art historischer Zwangsläufigkeit. Und er kommt ohne Vergangenheit zurück, zumindest redet er nicht über diese. Jannis wie sich herausstellen wird, ist der leibliche Sohn eines englischen Jagdfliegers, der den Absturz seines Kampfflugzeuges im Wattenmeer mit viel Glück und dem Fund einer Oktarine überleben wird. Die Mutter stirb früh, Jannis kommt als Halbwaiser an die deutsch-dänsiche Grenze. Paul der Ziehvater und Mittelpunkt des Jungen, Vidtoft die neue Heimat, ein Ort der Hoffnung und des Neuanfangs wie für viele Gestrandeten und Entwurzelten. Es gibt viele Vidtofts in dieser Nachkriegszeit in Deutschland.

Paul, der wortkarger, ernste Mensch, bringt eine innere Leere mit aus den Kriegswirren, die er auszufüllen versucht. Ziel und mehr und mehr zur Obsession werdend, macht er sich auf, die kargen Spuren einer versunkenen Stadt zu finden, manchmal von den Gezeiten verwischt, manchmal auch wieder freigelegt: Rungholt, einen Ort, den Menschen vorübergehend dem Meer abgetrotzt haben und den sich das Meer (oder war es, wie eine Legende besagt, Gott höchstpersönlich, der die Sünder mit einer Sturmflut bestrafen wollte, weil sie der Legende nach einen Pfarrer vermöbelt hatten?) 1362 zurück eroberte.

Jannis berichtet von der Suche, von den Wanderungen durch das Watt während der viel zu kurzen Ebbephasen, von Fundstücken, von Spekulationen über die Herkunft dieser Fundstücke, der Korrespondenz mit zuständigen Behörden. Jannis erzählt aber auch von der schleichenden, durch die obsessive Suche verursachte Entfremdung zwischen der "Chefin" und Paul und den leiblichen Kindern der beiden: Nils, der sich mehr und mehr verschließt und nach Dänemark verschwindet wie auch Nane, die im Grenzkrug bleibt, sich aber auf ihre Art von Paul entfernt. Nach und nach.

Im Wesentlichen jedoch konzentriert sich Jan Christophersen auf Jannis und Paul. Auf Paul`s Versuch, die innere Leere aufzufüllen, und auf Jannis, der, ganz im Gegensatz zu Paul, auf der Suche nach der "eigenen" Vergangenheit ist, was ihm selbst lange unklar bleibt, zumindest bis zu dem Punkt, an dem der Ziehvater ernsthaft erkrankt und Jannis sich auf den Weg machen wird.

Fazit: Innerhalb einer unaufgeregten Geschichte, sorgfältig in die Küstenlandschaft Norddeutschlands eingebettet, hat Jan Christophersen die Charaktere seiner Protagonisten nicht nur konturiert, sondern präzise gezeichnet, genauso wie er diese wilde und gleichzeitig romantische Landschaft mit klug gewählten Worten und Bildern greifbar nahe vor mir als Leser erscheinen lässt. Abgerundet wird das Lesevergnügen durch ein Ende, das ebenso leise daherkommt wie die Geschichte selbst. Ein ausgezeichneter Debutroman, den ich uneingeschränkt empfehlen kann.


 


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