CB Login

community_specials
selim_oezdogan_ein_glas_blut_2

Ingo Schulze: Neue Leben (Rezension)

PDFDruckenE-Mail

Am 9. November 1989 blicke ich vom Eifelturm hinunter auf Paris. Was mich faszinierte und heute noch fasziniert, ist die Symmetrie der Stadt. Von oben betrachtet. Straßen laufen konzentrisch von einem oder mehreren Mittelpunkten aus Richtung Horizont und verlaufen sich irgendwo im Zivilisationsdunst. Es gibt viele imaginäre Mittelpunkte in Paris. Menschen sind Beiwerk zum Bauwerk. Vielleicht, weil die Bauwerke so viel größer sind als die Lebewesen, die sie erbaut haben. Das hat vordergründig recht wenig mit Ingo Schulzes "Neue Leben" zu tun, außer dass sein fast 800 Seiten fassender Roman – ein episches Werk – den Mauerfall thematisiert. Der Kreis schließt sich, da ich in der Nacht vom 09.09 auf den 10.09.89 auf der Besucherplattform des Eifelturms stand. Spät. Es war dunkel, während Deutschland in gewisser Weise politisch ins Rampenlicht rückte um gleichzeitig zu erzitterten.

Ich nehme das vorweg, weil genau so geschehen und weil es meiner Meinung nach die möglichen innerdeutschen, in ihrer Substanz radikalen Sichtweisen verdeutlicht: Die von West nach Ost, und die von Ost nach West. Subjektive Perspektiven.

Ingo Schulze genau dazwischen. Verbunden mit den möglichen Gedankenreflexen: Wir haben es ja schon immer gewusst (West) und so schlecht war das alles gar nicht (Ost).

In jedem Fall ein grandioses Werk, das Ingo Schulze 2005 nach über sieben Jahren Arbeit vorgelegt hat zum Thema Wiedervereinigung. Es ermöglicht, neue innerdeutsche Horizonte zu entdecken, ohne aus der Deckung gehen zu müssen; je nach dem, ob man im Osten oder Westen aufgewachsen ist. Es wird nicht angekreidet, es wird erzählt. Als wäre Ingo Schulze zu jener Zeit als Beobachter auf der obersten Plattform des Eiffelturms gestanden mit einem Fernglas. Auf Deutschland scharf gestellt.

Zur Sache: Ingo Schulze trickst famos. Er gibt sich mit der Rolle des Herausgebers zufrieden, der die Briefe des Protagonisten und Briefeverfassers Enrico Türmer sortiert, veröffentlicht und per Fußnoten kommentiert. Fiktiver Realismus, entstanden in einer Art bundesdeutscher und deutscher demokratischer Abenddämmerung? Wenn ja, dann mit einem Klappspiegel in der Hand. Adressaten des Briefeschreibers sind Enrico Türmers Schwester Vera, Johann, der Freund aus der Jugend und die Frau aus dem Westen: Nicoletta. Unerreichbar; vor dem Mauerfall. Eine Ikone des Westens, die sich die Vergangenheit erlesen muss, die Zeit vor dem Mauerfall bis hin zum Ende dieses schizoiden Bauwerks.

Johann der Jugendfreund wird in den Briefen eingebunden in die Zukunft, die in einem Anzeigenblatt zu finden ist, das ursprünglich als politische Speerspitze für die Region Altenburg gedacht war.

Vera Türmer, die Schwester ? Briefe an sie eher sporadisch ? und irgendwie zeitlos ? mit Tendenz zu einer überschwänglich inzestuösen Liebe. Zumindest andeutungsweise.

So werden zwei Zeitfäden gesponnen. Die Zeit kurz vor ? und die unmittelbare Zeit nach der DDR. In den Briefen tauchen Figuren auf, nehmen Einfluss auf die Geschichte, entpuppen sich als Irrtum oder als eine Art Fata Morgana der Gegensätze, die gar nicht so gegensätzlich waren und sind, wie suggeriert wird. Auf der einen Seite korrupte Pseudokommunisten, auf der anderen Seite Raubtierkapitalisten. Der Mauerfall keine Wiedervereinigung, sondern eine feindliche Übernahme? Die Systemimmanenz unüberschaubar. Vielleicht.

Trotz oder wegen dieser Systemimmanenz werden Menschen atomisiert, in ihre Einzelteile zerlegt und heimatlos gemacht. Oder sie erfinden sich neu. Solange die DDR existent war, genügte der Blick in den Westen, um die eigene Hilflosigkeit zu egalisieren, vielleicht sogar erträglich zu machen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Der Blick aus dem Westen in den Osten dagegen als Quelle des Helfersyndroms: Nutella, Jeans und Schellackplatten. Soweit zum Großen und Ganzen.

Ingo Schulze fokussiert den Blick nicht auf das Große und Ganze, sondern auf eine kleine Summe an Einzelteilen, die sich irgendwann zum Großen und Ganzen zusammenfügen werden: Menschen, die in den politischen Sog geraten. Resignation und Aufbruchstimmung gehen Hand in Hand, als wären sie eineiige Zwillinge. Es entstehen Interessengruppen, die sich mit Resolutionen zu Wort melden, um den Prozess, wissentlich oder nicht, zu beschleunigen oder einfach nur, um sich wichtig zu machen, Teil des Prozesses zu sein!? Am Ende verselbstständigt sich die Entwicklung.

Im Zentrum, so es eines gibt, Enrico Türmer als Verfasser der Briefe. Das herannahende Ende untergräbt seine schriftstellerischen Ambitionen, beraubt ihn quasi der Thematik, die er sich zu eigen machen wollte. Die gelebte und gefühlte Welt als Basis, die DDR als Wetzstein, an dem er seine Schriftstellerklinge hätte schärfen wollen. Zumindest in seinen Träumen. Er erfindet sich ? muss sich wohl neu erfinden. Neue Leben mit Hilfe des Geschäftsmannes Clemens von Barrista, im Klappentext des Buches als Mephisto bezeichnet. Ein Mensch, der die Klaviatur des Kapitalismus mit all seinen Zwischentönen beherrscht, wie Enrico Türmer in seinen Briefen an Johann resümiert.

Am Ende verschwindet Enrico Türmer spurlos. Er hinterlässt einen öffentlichen Scherbenhaufen, der einmal ein ?kleines? Imperium war. Im Grunde ist das Ende so offen wie die Wiedervereinigung. Verbunden mit der Hoffnung, dass der Scherbenhaufen langsam aber stetig kleiner wird. Die Zeit wird es zeigen.

Backlink-Liste: Im Büchershop Gebundene Ausgabe Taschenbuch


blog comments powered by Disqus

Neue Bücher

Axel Westerwelle: Lost in History. Gegenwart. (Gebunden) Axel Westerwelle: Lost in History. Gegenwart. (Gebunden) €16.95
Ulrich Holbein: Bitte umblättern. 111 Appetithäppchen. Ulrich Holbein: Bitte umblättern. 111 Appetithäppchen. €35.00
Franz Hammerbacher: Bravo Hotel (Gebunden) Franz Hammerbacher: Bravo Hotel (Gebunden) €22.00
Tanja Dückers: Der längste Tag des Jahres Tanja Dückers: Der längste Tag des Jahres €8.95
Wir haben 11 Gäste online

Literarische Bildwelten im Magazinformat

Terminkalender

<<  September 2010  >>
 Mo  Di  Mi  Do  Fr  Sa  So