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Heinrich Mann - Professor Unrat. Das Ende eines Tyrannen
Geschrieben von: Andreas Schneider Sonntag, den 02. August 2009 um 00:00 Uhr
Heinrich Mann, der ältere Brunder Thomas Manns wurde am 21. März 1871 in Lübeck geboren und starb am 12. März 1950 in Santa Monica in Kalifornien. Unschwer lässt sich aus diesen Zahlen herauslesen, dass Heinrich Mann wie viele seiner damaligen Schriftstellerkolleginnen- und Kollegen auf Grund des aufkommenden Naziwahns ins Exil gehen musste. Kurz vor dem Reichtagsbrand 1933 verließ Heinrich Mann Deutschland und lebte bis 1940 in Nizza, Frankreich, von wo aus er mit seiner Frau Nelly sowie Golo Mann über Spanien und Portugal Richtung USA weiter floh. Die Heimkehr nach Deutschland blieb ihm verwehrt.
Seinen wohl bekanntesten Roman "Professor Unrat - Das Ende eines Tyrannen" hat Heinrich Mann 1904 geschrieben und ein Jahr später, 1905, veröffentlicht. Damit fiel der Roman mitten in die Zeit des Wilheminismus (ca. 1880 bis zum Ende des ersten Weltkriegs 1918). Die Zeit der Pickelhauben und der kleinen Jungs, die man in Matrosenuniformen steckte. Symbole einerseits für den konservativ orientierten Anspruch auf Gehorsam gegenüber der Obrigkeit, andererseits für einen fast schon surrealen Glauben an den technischen Fortschritt, verbunden mit dem Ziel, die deutsche Marine als Weltmacht zu etablieren. Aktuelle Zustände und Bestrebungen, die Heinrich Mann genauso wenig schmeckten wie vielen anderen Intellektuellen.
In dieser wilhelminischen Zeit also lehrt Raat, so heißt er eigentlich, als Gymnasialprofessor bereits über mehrere Generationen hinweg an einer Schule in einem Ort ohne Namen. Ein Ort, hinter dem sich aller Wahrscheinlichkeit nach Lübeck verbirgt, der Geburtsort Heinrich Manns: Professor Unrat lehrt verbissen und verbittert, die ihm anvertrauten Schüler als Feinde betrachtend, die es zu überführen und zu vernichten gilt. Mit allen Mitteln und ausnahmslos. Selbst wenn diese die Schule längst verlassen haben. Die Umwandlung seines Namens Raat in Unrat trifft ihn zutiefst in seiner von Komplexen geprägten Seele, ruft die tyrannische Seite in ihm hervor, die ihn zunehmend irrational und menschenfeindlich denken und handeln lässt.
Stellvertretend für die Schülerschaft im Roman stehen die drei Jungen Lohmann, Kieselack und von Ertzum. Vor allem Lohmann ist es, auf den es Professor Unrat abgesehen hat, der Sohn des örtlichen Konsuls. Dessen nach Außen getragene Gleichgültigkeit, mit der Unrat nichts anzufangen weiß, stachelt ihn zusätzlich an. Und ebenfalls ist es Lohmann, der den Professor durch ein Gedicht in einem konfiszierten Schulheft auf die Spur der Barfußtänzerin Rosa Fröhlich bringt, die in einer Art Hafenkaschemme Lieder auf ihre frivole Art zum Besten gibt. Nämlich barfuß.
Rastlos durchstreift Professor Unrat die nächtliche Stadt auf der Suche nach dieser Tänzerin, bis er fündig wird im "Blauen Engel". Die erste Begegnung mit Rosa Fröhlich erfolgt am selben Abend. Und wie schon beim Schüler Lohmann ist Professor Unrat zu tiefst irritiert, weil sie auf seine Provokationen völlig anders als erwartet reagiert. So kommt es wie es kommen muss: Er schlittert hinein in eine Affäre mit Rosa Fröhlich. Die Ehe niemals eine Liebesaffäre, eher eine Art Zweckgemeinschaft, basiernd auf unterschiedlichen Erwartungen, die letztlich dazu führt, dass Professor Unrat vom Schulbetrieb suspendiert wird. Die Mann'sche Posse kann beginnen.
Die Idee des ungleichen Paares, den Geldmangel durch privaten Unterricht zu lindern, wandelt sich schnell in ein gesellschaftliches Spektakel, das man heute sicherlich als Bordell mit illegalem Spielcasino bezeichnen würde. Vertreter aller sozialen Schichten finden sich ein, um zu spielen, sich zu amüsieren und die im Mittelpunkt des Begehrens stehende Rosa Fröhlich auf die eine oder andere Art zu becircen. Der Tyrann und Menschenfeind Professor Unrat als großer Dirigent mit seinen sehr klein karierten Rachegefühlen mittendrin. Dazu Rosa Fröhlich als umwschwärmte Solistin, deren Handlungsmotive seltsam unklar hinter einem Vorhang von Naivität verborgen bleiben.
Und diese Entsittlichung einer Stadt, von keinem zu unterbrechen, weil zu viele darin verwickelt waren: Sie geschah durch Unrat und zu seinem Triumph. Seiner insgeheim ihn schüttelnden Leidenschaft - dieser Leidenschaft, von der sein trockner Körper nichts als hie und da ein giftig grünes Augenfunkeln, ein blasses Feixen entließ - , ihr frondete und unterlag eine Stadt. Er war stark; er mochte glücklich sein.
Eine Affäre also, die weder emotional Bestand haben, noch in den Gassen einer kleinen Stadt einen auf Dauer geduldeten Platz finden wird. Gassen, die bis in den letzten Winkel von wilhelministischen Pickelhauben und kleinen Jungs in Matrosenuniformen geprägt ist. Mit der Rückkehr Lohmanns endet das gesellschaftliche Spektakel der Beiden so schnell wie es begonnen hat: Das Ende eines Tyrannen.
Fazit: Ganz sicher hat es Heinrich Manns Roman verdient, über die vielen Jahrzehnte hinweg in Erinnerung zu bleiben. Die weltweit erfolgreiche Verfilmung der Vorlage (Regie Josef von Sternberg) mit Emil Jannings und Marlene Dietrich trug viel dazu bei, das Buch nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, obwohl der Roman faktisch lange Zeit verboten war. Heinrich Mann hat ein überspitztes Portrait der wilhelministischen Gesellschaft gezeichnet, das beim Erscheinen vielen Personen sauer aufgestoßen sein muss, da sie sich mit ihrem Spiegelbild konfrontiert sahen. Gleichzeitig ist das Buch eine wunderbare Reise zurück zu Begriffen, Formulierungen und Sätzen, die aus der zeitlichen Entfernung betrachtet viel Freude bereiten. Ein immer wieder lesenswertes Highlight der deutschen Literaturgeschichte.
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