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Rezensionen
Hans Werner Kettenbach - Die Schatzgräber (Rezension)
Geschrieben von: Andreas Schneider Freitag, den 08. Mai 2009 um 12:17 Uhr
Hans Werner Kettenbach, 1928 in Bendorf am Rhein geboren und in Köln aufgewachsen, ist Journalist und Schriftsteller, schreibt auch unter dem Pseudonym Christian Ohlig. Aus seiner Feder - so weit man das heute noch sagen kann - stammen gleichwohl Krimis wie auch belletristische Werke und Drehbücher. Dieser Tage wird er auf Grund seiner Verdienste für die deutschsprachige Kriminalliteratur mit dem Friedrich-Glauser-Ehrenpreis (09.05.09 in Singen) ausgezeichnet. Bevor Hans Werner Kettenbach mit knapp 50 Jahren seine Schriftstellerkarriere begann, war er Anzeigenvertreter, Stenograph (beim Kicker), Lektor beim Rundfunk, Chefreredakteur und Korrespondent des Kölner Stadtanzeigers in Bonn und New York. Der ganz normale Wahnsinn eben.
Die Schatzgräber stammt in der Erstauflage aus dem Jahr 1998. Auf 532 Seiten entfaltet Hans Werner Kettenbach seine Geschichte der Schatzgräber wie eine Landkarte. Völlig unaufgeregt und trotzdem - vielleicht auch gerade deswegen - keine Seite zu viel, das Buch trägt nicht ein Gramm literarisches Fett an sich. Idealgewicht sozusagen. Im Mittelpunkt stehen die beiden Protagonisten Leo Theissen, Flurnachbar und gleichzeitig Onkel der Ich-Erzählerin Maria. Die schriftstellerische Metamorphose - oder direkter - eine vorübergehende Geschlechtsumwandlung des Autors für seine Geschichte, die im Grunde recht schnell rekapituliert ist: Der Einstieg in das Buch beginnt mit einem Familienschatz, von dem Leo seiner Nichte immer wieder erzählt, so wie er überhaupt als inzwischen pensionierter, aber weit gereister Journalist ein großartiger Geschichtenerzähler ist. Der Familienschatz stamme von einem Goldraub aus dem Jahr 1928 und läge unter einem Pflaumenbaum auf der inzwischen neu bebauten Anhöhe einer kleinen Stadt am Rhein. Das Problem für Maria ist, dass sie nie weiß, was an Onkel Leos Geschichten wahr ist, was erfunden. Zumal Leo nicht dabei war, sondern im Alter von dreieinhalb Jahren einem Gespräch der beiden "Goldräuber", im Grunde zwei biedere Kleinbürger, gelauscht haben will. Maria hält dem entgegen, dass das biografische Gedächtnis des Menschen erst im Alter von ca. vier Jahren zu greifen begänne. Zweifel, und zwar keine geringen, seien also angebracht.
So zieht sich der Gedanke an die Suche nach dem Goldschatz durch das ganze Buch hinweg, begleitet von Skepsis, die nach und nach dem Jagdfieber weicht. Einen Großteil des Buches machen dabei übrigens verschiedenste Gedankenspiele Marias aus; sie malt und fiktioniert sich Szenarien aus, die keineswegs langweilig sind, eher realitätsnah und dabei humorvoll, ohne ins Groteske abzukippen. Sie entwickelt finanzdesaströse Schreckensszenarien in Bezug auf ihre mit dem Enkelkind in München lebende Tochter, sie interpretiert die Charaktere der Menschen, denen sie mit oder ohne Leo begegnet und dichtet diesen (im nahezu wahrsten Sinne des Wortes) Handlungen an, die so hätten passieren können, aber doch nie geschahen. Also doch ein wenig grotesk. Im Hinterkopf stets der ominöse Goldschatz, den es geben mag oder nicht, den es zu heben gilt oder eben nicht.
Sanft und auf allerlei literarischen Umwegen über Nebenschauplätze nähern sich Leo und Maria mehr und mehr dem Familienschatz. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht "ausplaudern", denn gerade die Frage, ob sich Maria mit Leo auf die Suche nach dem Schatz macht, ob es diesen wirklich gibt, machen die Spannung aus, die mich als Leser durch die Geschichte begleitet.
Hans Werner Kettenbach hat mit Die Schatzgräber einen wunderbar warmherzigen Roman vorgelegt. Die beiden Protagonisten sind mir dabei tatsächlich ans Herz gewachsen, als wären es Menschen, die ich persönlich kenne. Das passiert mir mit dieser Intensität nicht sehr oft. Zumal Hans Werner Kettenbach die Geschichte nicht nur einfach erzählt, sondern viel Lebensweisheit und Lebenserfahrung mit reingepackt hat. Über das Zusammenleben zweier Generationen Tür an Tür in einer Zeit der familiären Kälte, über Politik, den paranoiden Faschismus Hitlers, über Journalismus, Moral und die Gier, die oftmals die Moral negiert und - natürlich - über Freundschaft, Liebe und Tod. Wenn Sie mich also fragen, spreche ich eine ganz klare Leseempfehlung aus, sofern sie ein Faible für leise erzählte Geschichten haben.
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