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Erich Kästner - Fabian. Die Geschichte eines Moralisten (Rezension)

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Für den Roman, Erich Kästner nannte ihn selbt einen „satirischen Roman“, muss man in der Zeitskale der Geschichte weit zurück blicken bis hin zur Weimarer Republik, dem ersten, jedoch sehr fragilen, Demokratiegebilde Deutschlands, deren Schicksal durch die Machtübernahme der Faschisten im Jahr 1933 besiegelt wurde. „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ erschien erstmalig 1931, während der sogenannten „Berliner Jahre“ Erich Kästners, die von 1928 bis 1945 andauerten.

Erich Kästner lässt seinen Protagonisten Fabian, einen Germanisten der vorübergehend, bis zur Arbeitslosigkeit als Reklamefachmann arbeitet, durch das damalige Berlin streifen, bevorzugt durch das nächtliche Berlin. Was folgt, ist eine Aneinanderreihung skurriler Begegnungen mit Menschen, deren eigene Welt durch die Weltwirtschaftskrise bereits aus den Fugen geraten war. Beginnend an seinem Arbeitsplatz. Münzer zum Beispiel, Chefredakteur einer Tageszeitung, der seiner Arbeit mit einem Maximum an Zynismus nachgeht. So erfindet er, um eine schlagkräftige Schlagzeile zu erhalten, kurzer Hand 14 Tote in Kalkutta und bügelt den Widerstand ab mit dem Argument, man solle erst einmal das Gegenteil beweisen. Über sich selbst sagt er:

"Mein Charakter ist meinem Verstand in keiner Weise gewachsen. Ich bedauere das aufrichtig, aber ich tue nichts mehr dagegen."

Er begegnet Frau Moll, die mit Ihrem Ehemann, einem Rechtsanwalt, einen Ehekontrakt abgeschlossen hat, der es ihr erlaubt, jederzeit fremd zu gehen unter der Bedingung, dass der Ehemann den Liebhaber zuvor begutachten dürfe. Er begegnet einem Ingenieur und Fabrikant, der durch die Erfindung mechanischer Webstühle die Massenarbeitslosigkeit forciert und sich durch Verweigerung dieser Bürde entledigen will - und im Irrenhaus landet.

Gemeinsam mit seinem einzigen echten Freund Labude besucht Fabian obskure Lokalitäten und ebenso eigenwillige Veranstaltungen, in denen Menschen zur Schau gestellt werden. Sie gelangen in die Wohnung einer Künstlerin, die sich als Lesbe ausgibt und das Atelier gelegentlich in eine Art Bordell umfunktioniert. Überhaupt, so scheint es, wurde ganz Berlin in eine Art Verzweiflungsbordell umfunktioniert. Jeder verkauft sich so gut wie es geht um zu überleben. Und um diesem Überlebenskampf einen bunten Anstrich zu geben, wird sich auf "Teufel komm raus" vergnügt. Quer durch alle Bevölkerungsschichten.

Labude ist im Grunde der eigentliche Moralist in dem Roman. Einer, der im Gegensatz zu Fabian, die Dinge nicht nur beobachten sondern anpacken und verbessern will, am Ende aber an einer aus Eifersucht heraus geborenen Finte eines Studienratsassistenten endgültig scheitern wird. An sich, am Leben und an den Umständen. Am Ende wird Fabian Berlin verlassen, heimkehren - und ebenfalls scheitern. An sich, am Leben und an den Umständen.

Auch wenn Erich Kästner, wie eingangs erwähnt, diesen Roman selbst als satirischen Roman bezeichnet, ein Stilmittel gewürzt mit scharfen Spott und menschliche "Schwächen als Zielscheibe nutzend, ist "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" ein Schaufenster, durch das ein Blick zurück in das Berlin der 20-er Jahre durchaus lohnt. Zumal, so denke ich, die Schockwellen des ersten Weltkriegs bei den damaligen Intellektuellen noch längst nicht abgeebbt waren:

Dieser verdammte Krieg! Dieser verdammte Krieg" Ein krankes Herz dabei erwischt zu haben, war zwar eine Kinderei, aber Fabian genügte das Andenken. In der Provinz verstreut sollte es einsame Gebäude geben, wo noch immer verstümmelte Soldaten lagen. Männer ohne Gliedmaßen, Männer mit furchtbaren Gesichtern, ohne Nasen, ohne Münder. Krankenschwestern, die vor nichts zurückschreckten, füllten diesen entstellten Kreaturen Nahrung ein, durch dünne Glasröhren, die sie dort in wuchernd vernarbte Löcher spießen, wo früher einmal ein Mund gewesen war. Ein Mund, der hatte lachen und sprechen und schreien können.

Es sollte eine noch größere, länger andauernde Schockwelle folgen.

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