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Rezensionen
Cornelia Travnicek - Fütter mich
Geschrieben von: Andreas Schneider Dienstag, den 24. November 2009 um 10:22 Uhr
Cornelia Travnicek wurde am 22. Jänner in St. Pölten in Österreich geboren. Derzeit studiert sie an der Universität in Wien Sinologie und Informatik. Neben Beiträgen in Anthologien debütierte Cornelia Travnicek 2008 mit Aurora Borealis. Es folgten Die Asche meiner Schwester, spannung, spiel und schokolade. Aktuell erschienen im Skarabaeus Verlag "Fütter mich". Über sich selbst sagt Cornelia Travnicek, sie sei krankhaft süchtig nach dem geschriebenen Wort und sie sei lieber Fixstern als Komet. Wir meinen: Egal ob Fixstern oder Komet, bitte nur nicht mit dem Schreiben aufhören. Danke.
Der letzte Sonntag war ein nahezu perfekter Lesetag. Nicht zu warm, nicht zu kalt und laut wetter.de eine Niederschlagswahrscheinlichkeit von elf Prozent. Ein zu vernachlässigendes Restrisiko eben. Also 40 Kilometer am Rhein entlang nach Monheim, "Fütter mich" von Cornelia Travnicek als passende Literaturdosis im Gepäck. Auf dem Titelbild diese fiesen, zuckerumhüllten Lakritzteile, um die ich sonst einen weiten Bogen mache.
Ich weiß nicht, ob ein Zusammenhang besteht zwischen der Anzahl der Erzählungen (11) und der prozentualen Niederschlagswahrscheinlichkeit (11) an diesem Sonntag. Wohl eher nicht, aber man kann sich ja mal Gedanken drüber machen.
Zum Inhalt: In den 11 Erzählungen wandert Cornelia Travnicek nicht nur durch Themenwelten, sie schlüpft gleichzeitig in unterschiedlichste Literaturrollen. Das ist es, was ich persönlich an Erzählungen mag: Gedankenstreifzüge, in Worte gefasst, die Autorin als lesender Tourist begleiten. Themen wie der Tod, Trauer, Liebe, Einsamkeit und Sehnsucht stehen im Mittelpunkt: Immer wieder, in unterschiedlichen Facetten, manchmal versehen mit einer Prise Wut, genau richtig dosiert, um nicht den Blick zu verstellen. Manchmal skurril, wenn sich ein älterer, abgehalfterter Mann zu seiner Eisprinzessin in die Tiefkühltruhe legt. Und wie Menschen eben durch nicht beeinflussbare Ereignisse aus ihrer Umlaufbahn gerissen werden. Sind das die Kometen? Und Menschen, die so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass die Welt um sie herum zu einem Mikrokosmos schrumpft. Vielleicht eine Art Fixstern-Syndrom?
Beispielhaft die Erzählung "Im Baum der Elster": Die Geschichte von Mia und Jan, einem kleinen Jungen mit scheinbar autistischen Zügen. Mit fast schon melancholischer Verzweiflung versucht Mia, das Leben der beiden in den Griff zu bekommen. Irgendwie, und das manchmal ein winziger Richtungswechsel genügt, die Dinge wieder ins rechte Licht zu bringen. Und dass manchmal, wie in "Der Riss am Morgen" genau das Gegenteil geschehen kann, dass ein Mensch zum Amokläufer wird und dass die Betroffenheitsreaktionen der Presse und die Erklärungsversuche der Politiker und Psychologen noch weniger plausibel erscheinen wie die Tat selbst.
Fazit: Das erste Lesezeichen von Cornelia Travnicek habe ich in der Anthologie "Schau gen Horizont und lausche" aus dem jungen Kölner Verlag asphalt & anders registriert:
Rom war so weit weg wie noch nie, es gab keinen Hügel in der Stadt über dem Meer. Wir betrachteten die kommunistischen Straßen mit ihren MC Donald's und Starbucks, den Kentucky Fried Chickens und den Designerläden.
Übrigens das erste Mal, dass ich bei einer Rezension aus einem anderen als dem besprochen Buch zitiere. Passt aber. Zum Studienteil Sinologie und zu Cornelia Travnicek selbst. Beim Lesen von "Fütter mich" einige Wochen später hatte ich wiederholt das Gefühl, sie sei eine Reisende, sie wolle die Welt bereisen, die, die die uns umgibt und die, die in uns allen existiert Vieles aus "Fütter mich" ist vermutlich verbunden mit Episoden und Impressionen aus dem Leben der Autorin, Begegnungen und Erfahrungen, die Spuren hinterlassen. Cornelia Travnicek verarbeitet diese literarisch. Mit einem recht präzisen Blick, mit Liebe zum Detail und mit einem Humor, der nicht Gefahr läuft, ins Groteske abzudriften. Für mich war es an einem Sonntag im September ein Leseblick über etwas mehr als zwei Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit eigener Gefühlswelten. Das hat was und ich bin gespannt, wie und wann Cornelia Travnicek den nächsten Schritt wagt und sich an neue literarische Herausforderungen ranwagt.
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