Navigationspfad (Breadcrumb)
Start
Magazin
Rezensionen
Adam Zielinski: Als die Russen nach Hirschberg kamen (Rezension)
Geschrieben von: Alexandra Röllke Donnerstag, den 21. Januar 2010 um 15:24 Uhr
Adam Zielinski wurde am 22. Juni 1929 im galizischen Drohobycz südlich von Lemberg geboren. Sein Vater, der Rechtsanwalt Jan Karol, war bemüht, ihm die bestmögliche Ausbildung zu verschaffen. Als Adam Zielinski zwölf Jahre alt war, musste er zusehen wie Nazischergen am 1. September 1941 seinen Vater verhafteten. Jan Karol Zielinski wurde einige Tage später zusammen mit mehreren hundert Intellektuellen in Holobutów nahe bei Stryj erschossen.
Kurz danach verlor Adam Zielinski auch seine Mutter, so dass er seit seinem dreizehnten Lebensjahr ausschließlich auf sich selbst angewiesen war. Er ging nach Lemberg und besuchte dort ab 1944 nach der Rückeroberung durch die Russen wieder die Schule, im Jahr 1945 kam er nach Krakau, wo er sein Abitur an einem Gymnasium machte, um danach Sozialwissenschaften und Journalismus zu studieren. Er arbeitete dann als Journalist für den Polnischen Rundfunk, um dann im Jahre 1956 nach Österreich zu emigrieren. Seit 1959 besitzt Zielinski die österreichische Staatsbürgerschaft. Aufgrund der Gründung seiner eigenen, erfolgreichen Import-Export Firma namens COMPENSA besuchte Zielinski insgesamt 136 Mal China, 25 Mal Japan und 300 Mal Hongkong. Er machte sich bereits früh und regelmäßig Notizen und konnte somit die Voraussetzungen schaffen, im Alter von 60 Jahren eine zweite Karriere als Schriftsteller zu starten. Zielinski schreibt auf Deutsch und Polnisch.
Zum Inhalt: Beim Lesens des Erzählbandes "Als die Russen nach Hirschberg kamen- Und andere Geschichten" von Adam Zielinski musste ich immer wieder an meinen Großvater denken, der, nach der Aufforderung "Opa, erzähl doch noch eine Geschichte vom Krieg" durch seine kleine Enkelin, amüsant und anekdotenhaft seine Erlebnisse aus der Zeit vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg zum Besten gab. Die eigentlich schwere Kost hat mein Großvater immer in gut verdaulichen Häppchen serviert und ich konnte nicht genug davon hören. Ähnlich empfand ich es als heute Erwachsene beim Schmökern durch den Band. Adam Zielinski nimmt den Leser mit auf eine narrative Reise durch das Jahrhundert, ein Jahrhundert des Schmerzes und Leides, in dem Krieg und Frieden, Trauer, Hoffnung und Zeitgeist bestimmend sind. Dennoch fehlt in keiner der kleinen Geschichten der Humor und auf jeder Seite begegnet dem Leser das verschmitzte Lächeln des Erzählers.
Obwohl die Erzählungen jeweils nur einige Seiten lang sind, lernt man die Protagonisten medias in res gut kennen, da durch den Erzähler ein aufschlussreiches Bild gezeichnet wird. "Wollte der Dicke mit seinen Worten Ironie demonstrieren, so war er bei seiner Gesprächspartnerin auf dem Holzweg. Die nämlich war eine Vertreterin der Krasnojarsker Schule des Stänkerns. Wortmeldungen, wie sie sie eben gehört hatte, wussten dort bereits Neugeborene zu parieren." Der Erzähler führt den Leser auf einer Reise durch die Zeit und durch die Welt, gerade noch im heute ukrainischen Galizien befindet man sich in der nächsten Geschichte plötzlich im fernen Afghanistan oder in Mali. "Wenn man ein ganzes Jahr mit einem derart gescheiten Herrn spricht, wird man klüger als die anderen Tuareg. Folglich: Wer soll in der Oase das Sagen haben? Ibrahim oder Omar, der den Mut hat, sechzig Meter tief in die Erde hinunterzusteigen, um den Brunnen zu retten?" Fast immer haben die Figuren mit Widerstand zu kämpfen, doch für Resignation ist in diesem Erzählband kein Platz, dafür aber ausreichend Platz für die Hoffnung. Kraft und Erkenntnisgewinn durch Veränderung. Darüber lassen sich die Erzählungen auf einen Punkt bringen. Und darin spiegelt sich auch Zielinskis Wesen wieder, getreu dem Auftrag seines Vaters, niemals aufhören zu Lernen. Und der Leser bittet: Nicht aufhören zu schreiben, Herr Zielinski!
Im Büchershop: Als die Russen nach Hirschberg kamen.
Backlink-Liste: Der Wieser-Verlag • Alexandra Röllke
Verwandte Beiträge
- 2009-10-06 - Benjamin Tientis Debütroman - Raubvogel
- 2009-11-19 - Stefan Petermann - Der Schlaf und das Flüstern
- 2009-11-24 - Claas Triebel - Der Übergang
- 2009-11-24 - Cornelia Travnicek - Fütter mich
- 2009-09-25 - Jan Christophersen - Schneetage
- 2009-06-28 - Anthologie - Schau gen Horizont und lausche
- 2009-08-02 - Heinrich Mann - Professor Unrat. Das Ende eines Tyrannen
- 2009-09-04 - Wolf Haas - Der Brenner und der liebe Gott
- 2009-09-02 - Eva Rossmann - Leben lassen. Ein Mira-Valensky-Krimi (Rezension)
- 2009-12-10 - Franzobel - Picus. Eine Strandnovelle (Rezension)
- 2009-08-24 - Thomas Glavinic - Das Leben der Wünsche (Rezension)
- 2009-06-23 - Beat Portmann: Durst (Rezension)
- 2009-06-11 - Ruth Cerha - Der Gesang der Räder in den Schienen (Rezension)
- 2009-05-26 - Max Frisch - Homo Faber (Rezension)
- 2009-12-14 - Clemens Berger - Und hieb ihm das rechte Ohr ab
- 2009-05-15 - Britta Mühlbauer - Lebenslänglich (Rezension)
- 2009-05-12 - Bernhard Seiter - Passenger Hammerschmid (Rezension)
- 2009-05-09 - Sabine Gruber: Über Nacht (Rezension)
- 2009-05-08 - Hans Werner Kettenbach - Die Schatzgräber (Rezension)
- 2009-05-05 - Yusuf Yeşilöz - Gegen die Flut (Rezension)
- 2009-05-05 - Linda Stift - Stierhunger (Rezension)
- 2009-04-14 - Julya Rabinowich - Spaltkopf (Rezension)
- 2007-04-25 - Christoph Fromm - Die Macht des Geldes (Rezension 2)
- 2009-04-08 - Torsten Preuss: Verliebt. Verlobt. Verheiratet (Rezension)
- 2009-12-19 - Sarah Schmidt - Bad Dates (Rezension)
- 2009-12-20 - Svealena Kutschke: Etwas kleines gut versiegeln (Rezension)
- 2009-03-07 - Enno Stahl - Diese Seelen (Rezension)
- 2009-12-24 - Stephan Alfare: Meilengewinner (Rezension)
- 2008-10-03 - John von Düffel: Hotel Angst (Rezension)
- 2009-02-14 - Manfred Rumpl: Ihr Mann und der Fremde (Rezension)
- 2008-12-18 - Bernhard Salomon (Hrsg) - 17 Jahre ohne Sex. Geschichten aus einem Wiener Stundenhotel (Rezension)
- 2008-11-30 - Erich Kästner - Fabian. Die Geschichte eines Moralisten (Rezension)
- 2009-12-29 - Lesen. Schreiben. Gewinnen. Couragierte Rezensentinnen und Rezensenten gesucht.
- 2008-09-02 - Wolf Wondratschek - St. Tropez und andere Erzählungen. (Rezension)
- 2009-12-30 - Isabelle Breier: 101 Käfer in der Schachtel (Rezension)
- 2008-08-12 - Katharina Hagena - Der Geschmack der Apfelkerne (Rezension)
- 2008-07-09 - Stefan Wimmer: Der König von Mexiko (Rezension)
- 2008-05-26 - Stefan aus dem Siepen: Die Entzifferung der Schmetterlinge (Rezension)
- 2008-05-12 - Ingo Schulze: Neue Leben (Rezension)
- 2010-01-12 - Urs Augstburger: Schattwand (Rezension)
- 2007-10-26 - Finn-Ole Heinrich: Räuberhände (Rezension)
- 2007-10-07 - Bodo Kirchhoff: Eros und Asche (Rezension)
- 2010-02-15 - Urs Augstburger: Wässerwasser (Rezension)
- 2010-03-05 - Ulrike Almut Sandig: Flamingos (Rezension)
- 2010-03-05 - Ingo Schulze: Adam und Evelyn (Rezension)
- 2010-03-26 - Carl Weissner: Manhatten Muffdiver (Rezension)
- 2007-09-09 - Lorenz Schröter: Das Buch der Liebe (Rezension)
- 2010-04-08 - Stephan Thome: Grenzgang (Rezension)
- 2005-11-22 - Peter Rosei: Wien Metropolis (Rezension)
- 2010-04-16 - Nino Haratsichwili: Juja (Rezension Teil I) Ein einsamer Tod
- 2010-04-20 - Nino Haratsichwili: Juja (Rezension Teil 2) Wenn die Wahrheit zum Mythos wird
- 2010-05-20 - Stefan Zweig: Schachnovelle (Rezension)
- 2010-05-24 - Matthias Politycki: Jenseitsnovelle (Rezension)
- 2010-05-27 - Franz Dobler: Letzte Stories - 26 Geschichten für den Rest des Lebens (Rezension)
- 2010-06-09 - Michael Gantenberg: Zwischen allen Wolken (Rezension)
- 2010-06-29 - Jürgen Teipel: Ich weiss nicht (Rezension)
- 2010-07-20 - Diskurs: Rezensentin meets Autorin. Am Beispiel Anni Bürkl und Frau LeseLustFrust
- 2010-07-21 - Mirko Bonné: Ausflug mit dem Zerberus (Rezension)
- 2010-07-27 - Selim Özdogan: Ein Glas Blut (Rezension)








