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Interview mit Tobias Wimbauer, Antiquar und Autor aus Hagen - Teil II

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Tobias Wimbauer, Jahrgang 1976, ist freier Autor und Antiquar mit eigenem Versandantiquariat. Gemeinsam mit seiner Frau und sieben Katzen lebt er in Hagen, genauer gesagt auf dem Waldhof Tiefendorf, was sehr idyllisch klingt und es auch ist. Als kleiner Bub, so schreibt er selbst, wollte er Pfarrer werden, als Schriftgelehrter. Auch da stand also bereits das im Mittelpunkt, was Tobias Wimbauer noch heute wichtig ist: Bücher. Derzeit umfasst seine Sammlung und damit das Angebot ca. 75.000 Titel. Was Teile der neuen deutschen Rechtschreibung anbetrifft, hat sich Tobias Wimbauer ins Schweizer Exil begeben. Das mit ss/ß sei eine Frage, die bei ihm prinzipiellen Charakter habe, da eine bewusste Entscheidung wider die einen und wider die andern Eiferer. Sie bewegen sich vorwiegend in der literarischen Vergangenheit. Manchmal lassen sich aus der Historie differenzierte Rückschlüsse ziehen. Wie könnte Ihrer Meinung nach die Zukunft des gedruckten Buches aussehen?
Ach, ich glaube nicht, dass ich mich in der literarischen Vergangenheit bewege. Wenn ich etwas lese, dann wird es Gegenwart. Literatur ist ja meist das, was der Text im Kopf mit mir während des Lesens macht. Literatur findet also permanent statt. In Dachstuben, unter Schulbänken, in Gärten und Bibliotheken. Überall dort, wo jemand mit glühenden Ohren einen Autor für sich entdeckt. Da ist Leben drin, da kann Feuer sein. Wenn etwas Vergangenheit wird, weil es nicht mehr gelesen wird und nicht mehr mit Leben und Empfinden angereichert wird, dann ist dies aber auch nur ein Interim bis zum nächsten Leser, der vielleicht eine Renaissance auslöst.
Die nächste Prämisse der Frage ist noch viel schwieriger. Ich glaube nicht, dass sich aus der Historie differenzierte Rückschlüsse ziehen lassen. Wäre das so, würde sich nicht so vieles im Kleinen und im Grossen wiederholen. Ich komme nicht mehr drauf, wer das sagte, aber es stimmt: "Wer Geschichte nicht begreift, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." Da meistens auf historisches Geschehen in der ex-Post-Perspektive gesehen wird, also auf die Chronologie mit dem Wissen des Verlaufs, der Anfang vom Ende her betrachtet wird, wird's oft schief und ungeniessbar. Jüngst sah ich eine TV-Sendung über Varus und Arminius, darin wurden ständig Begriffe des 20. Jahrhunderts verwendet und Moralvorstellungen der Zeit nach der Aufklärung. Das hilft allenfalls im kritischen Kommentar mit pädagogischer Absicht für die Gegenwart, für das historische Verständnis ist das irrelevant bis schädlich.
Was hat das nun mit der Zukunft des gedruckten Buches zu tun? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur soviel: so lange ich lebe, werden um mich herum immer viele viele Bücher sein, und ich sehe doch, wie in den Generationen, die 10-20 Jahre jünger sind als ich, ernsthafte und begeisterte Leser Bücher horten und verschlingen. Wenn ich mir den Lesehunger meiner 20 Jahre jüngeren Schwester anschaue, dann ist mir überhaupt nicht bang um die Zukunft des gedruckten Buches.
Aber: selbst wenn: es wäre ja nicht der Tod der Literatur, es wäre nur das Ende einer bestimmten Überlieferungs- und Verbreitungsform, den ich gleichwohl als schmerzhaften Verlust empfände. Es würden sich aber andere Wege und Formen der Literaturverbreitung finden, denn das Erzählenwollen und das Erzähltbekommenwollen sind zwei sehr starke Kräfte, die sich ihre Wege und Kanäle suchen. Das reicht von dem einfachen Bedürfnis der Zerstreuung, bis hin zu archaischen Überlieferungsformen, da man am Feuer sass und die Alten die Geschichte des Stammes oder der Menschheit erzählten und die Jungen gebannt lauschten. Es wird immer Menschen geben, die schreiben, die schreiben wollen, die schreiben müssen. Und es wird immer Menschen geben, die lesen, die lesen wollen, die lesen müssen.
Vielleicht wird das Neubuch verschwinden. Das führte vielleicht zu einer Aufwertung der Antiquariate. Das kann ich als Antiquar nicht ablehnen....

Was zeichnet aus Ihrer Sicht ein gutes antiquarisches Buch - handwerklich, nicht inhaltlich - aus?
In der Tat ist aus Sicht des Antiquars der Inhalt erst mal sekundär. Ein gutes Buch für den Antiquar ist also eines, das er günstig erworben hat, und für das ein Kunde zur Hand ist, der das händeringend sucht und mit gutem Limit haben will. Anders gesagt: jedes verkaufte Buch ist ein gutes Buch.
Auf der nächsten Ebene, der handwerklichen Ebene, ist ein gutes Buch eines, das gut gemacht ist, das ordentlich gebunden wurde, für das gute Materialien verwendet wurden und das sich auch vermehrtem Zugriff mit Beständigkeit erwehren konnte.
Aber hier nähern wir uns nun einem Punkt, der nicht genau auszumachen ist, da changierend, tagesformabhängig und im Verborgenen daheim: der Innere Antiquar.
Der Innere Antiquar ist der elitäre Schweinehund, den ich ebenso wie viele meiner geschätzten Kollegen füttere. Bei manchen ist der Innere Antiquar auch der äussere Antiquar. Bei manchem nimmt der Innere Antiquar den äusseren nicht wahr, oder er leugnet ihn.
Was der Innere Antiquar ist? Das ist jener Teil in mir, der die grossartigen und verehrten Autoren verkauft in den schönsten Ausgaben und Exemplaren, der mit Erst- und Vorzugsausgaben mit Künstlerbüchern und Originalgraphik hantiert, der signiertes und limitiertes zur Hand hat, spannendste Provenienzen und kurioseste Exemplar-Vitae. Der Innere Antiquar ist Vermittler und Verbreiter von Kultur und Überlieferung, er fügt zusammen und streut wieder aus.
Klingt toll, ist toll, ist aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Der äussere Antiquar hingegen, in dem der innere Antiquar sich eingenistet hat, der verkauft all die andern Sachen, die bei Thalia und Consorten in der Auslage liegen, die Dan Browns und Jude Deveraux' und wie sie alle heissen mögen. Anders gesagt: ich liebe schöne Bücher und edle Ausgaben ungemein und manches Exemplar könnte ich stundenlang in Händen halten oder vor mir liegend betrachten. Ich kann auch stundenlang über Ausgaben und Varianten plaudern, am liebsten bei einem guten Rotwein. Und nichts wäre lieber mir, als nur mit diesen edlen guten schönen Pretiosen zu tun zu haben und nichts anderes zu handeln. Aber. Aber: es wäre verlogen, wenn ich sagte, dass diese Dinge mein Antiquariat ausmachten. Ich lebe davon, dass ich Bücher verkaufe, die ich vielleicht selbst gar nicht lesen wollte. Mmh, wie formuliere ich das. Vielleicht so: Ob ein Buch selten ist oder nicht, ob hochpreisig oder für wenige Euro zu haben, das ist auch meine Entscheidung. Aber ob ein Buch gut ist oder nicht, das ist eben nicht meine Entscheidung. Diese Entscheidung kann ich nur für mich selbst privat treffen und für meine private Bibliothek, aber niemals für einen Kunden. Ich habe in Freiburg einen Buchhändler erlebt, der mir gegenüber Autoren lobpreiste, weil er wusste, dass ich sie mag, die er anderntags anderen Kunden gegenüber schlechtredete, da er wusste, dass diese jene Autoren nicht schätzten - oder sie es zu Testzwecken vorgaben. Seitdem habe ich diesen Buchhändler nicht mehr sonderlich ernst genommen. Ich gebe keinen Wertungen über Bücher ab. Wenn jemand etwas mit Freude liest, dann ist es immer gut.
Dem inneren Antiquar ist das Buch also Kulturgut und Freude per se, dem äusseren Antiquar muss es eher egal sein, da er beinahe unterschiedslos alles Gedruckte feil bietet. Das ist meist auch eine pekuniäre Frage. Frei nach Rühmkorf: irgendwie muss ich die Hasen ja füttern, die ich ständig aus dem Hut zaubern soll.

Gibt es Autor/innen und Werke, zu denen Sie durch Ihre Arbeit eine besondere Affinität entwickelt haben?
Ja natürlich. Meine Favoritenliste liest sich freilich fürs Antiquariat anders als für mich als Leser und Autor. Über meine Topseller im Antiquariat möchte ich aus naheliegenden strategischen Gründen nichts sagen, meine privaten Favoriten kann ich gern nennen: Ernst und Friedrich Georg Jünger, Gottfried Benn, Charles Bukowski, Helmut Krausser, Walter Kempowski, Christian Kracht, das sind jene, von denen ich unbesehen alles Neue sofort kaufe und lese. Dazu noch Robert Walser, Ernst Stadler, Georg Heym… Einige der Namen sind mir vor allem unter einen Aspekt wichtig: sie sind Lehrmeister der Gelassenheit. Tatsächliche Gelassenheit ist die wichtigste Voraussetzung für fast alles, nicht zuletzt für ein Arbeitspensum, das oft recht heftig ist.

Als freier Autor schreiben Sie selbst. Gibt es Themen, die Sie dabei besonders beschäftigen?
Eigentlich ist es immer die gleiche Frage, die mich bewegt: Was ist Wirklichkeit? In meinem (halbvor-)letzten Buch "Lagebericht" mutmasste ich: "Vielleicht die weisse Stelle zwischen den Worten". Schmerz gehört dazu. Schmerz ist ein Wirklichkeitsindikator. Der Schmerz zeigt beispielsweise den Übergang von Verzweiflung zur Gelassenheit an.

Was macht ein Antiquar, wenn er gerade nicht liest, schreibt oder Bücher katalogisiert, verpackt und versendet?
Er schläft, kocht, krault die Katzen, ist im Garten und kümmert sich um die Rosen. Weniger konkret: So taumeln wir voran ... der pluralvirtuelle Sog, der einen aufschlürft und als Marginalie wegspült, auskotzt aus Angstgebilden und Peripherwahrheiten, durch die man sich durchgehangelt und hindurchgewühlt hat, ein paar Lichter hier und da.- Das Wenige, das Echte, das lebt und pulsiert und bleibt - - -

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Die Fragen stellte:
Andreas Schneider

Zum Interview Teil 1

Kontakt:
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