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Interview mit Tobias Wimbauer, Antiquar und Autor aus Hagen Teil I
Zuletzt aktualisiert am Montag, den 30. November 2009 um 14:13 Uhr Geschrieben von: Andreas Schneider Dienstag, den 05. Mai 2009 um 15:13 Uhr
Tobias Wimbauer, Jahrgang 1976, ist freier Autor und Antiquar mit eigenem Versandantiquariat. Gemeinsam mit seiner Frau und sieben Katzen lebt er in Hagen, genauer gesagt auf dem Waldhof Tiefendorf, was sehr idyllisch klingt und es auch ist. Als kleiner Bub, so schreibt er selbst, wollte er Pfarrer werden, als Schriftgelehrter. Auch da stand also bereits das im Mittelpunkt, was Tobias Wimbauer noch heute wichtig ist: Bücher. Derzeit umfasst seine Sammlung und damit das Angebot ca. 75.000 Titel. Was Teile der neuen deutschen Rechtschreibung anbetrifft, hat sich Tobias Wimbauer ins Schweizer Exil begeben. Das mit ss/ß sei eine Frage, die bei ihm prinzipiellen Charakter habe, da eine bewusste Entscheidung wider die einen und wider die andern Eiferer.
Herr Wimbauer, zur Einstimmung eine nicht ganz ernst gemeinte Frage: Die Vermutung läge nahe, dass Sie Ihre Frau erstmalig in einem Antiquariat getroffen haben. Wo haben Sie sich wirklich kennengelernt?
Sie werden lachen, wir haben uns fast so kennengelernt. Ich habe seit vielen Jahren Privatdrucke mit Gedichten oder Prosa, die über's Jahr entstanden waren, gemacht für Freunde und Korrespondenten zu Weihnachten. Ein paar Exemplare stellte ich stets bei eBay ein, um wenigstens einen Teil der Kosten wieder reinzukriegen.- Meine heutige Frau, die wie ich Ernst Jünger sammelt, kannte meine Arbeiten zu Jünger (und auch mein Photo von meiner Homepage) und ersteigerte einen dieser Drucke. Und im nächsten Jahr abermals. Irgendwie kamen wir so in Mailkontakt. Zunächst sporadisch, dann häufiger, dann schickte sie mal ein Photo ("Damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben…"), und das fand ich recht berückend... Und so schmachteten wir ein paar Jahre vor uns hin, aber die Brief- und E-Mail-Frequenz stieg ständig und irgendwann war ein Punkt erreicht, an dem wir beide schlaflose Nächte nicht mehr verbergen konnten... Wir sind nun seit 5 Jahren verheiratet und ich wüsste nichts, das ich mir anders wünschte. Böse Zungen flüsterten, dass unser Trauspruch "bis dass der Tod mir Deine Jüngersammlung schenkt" gewesen sei.
Es klingt zunächst einmal lustig, dass Sie sieben Katzen haben, da man ihnen sieben Leben nachsagt. Zufall?
7 Katzen sind's nicht aus metaphysischen oder abergläubischen Gründen: bis Ostern waren es noch acht. Eine mussten wir abgeben, da er sich mit den andern nicht mehr vertrug nach einer Blasenoperation. Jetzt hat er es in der Schweiz gut bei einer neuen Katzenmama. Von Petrarca stammt der Satz, dass man die Menschheit in zwei Gruppen einteilen könne: In Katzenliebhaber und in vom Leben Benachteiligte. Das ist wahr.
Auf der Berufswunschliste "kleiner Buben" rangiert der des Pfarrers oder der des Antiquars sicherlich nicht auf den ersten Plätzen. Welche Impulse haben diese Berufswünsche in Ihnen entfacht?
So weit ich denken kann waren immer Bücher um mich herum. Mein Vater war Schriftsteller und Verleger. Ich kannte meinen Vater als Kind eigentlich nur lesend und schreibend. Und wenn Besucher kamen, hatte das damit zu tun. Ich lernte lesen noch vor der Schule und die Stadtbibliothek suchte ich viermal pro Monat auf und tauschte eine grosse Tüte gelesener Bücher gegen eine grosse Tüte ungelesener Bücher. In den ersten Schuljahren las ich die Bibel, die hatte mich interessiert. Und da wollte ich dann Pfarrer werden. So ein PechFeuerUndSchwefelPrediger. Ich übte das mit lauten Improvisationspredigten, die möglichst apokalyptisch klingen sollten. Das legte sich aber rasch wieder. In der Schule organisierte ich den Bücherflohmarkt zum Weihnachtsbasar und war früh schon auf Streifzügen durch die Freiburger Antiquariate. Ich arbeitete in einem Musikhaus, versuchte dort eine Abteilung Notenantiquariat auf die Beine zu stellen, aber da machte das Musikhaus zu (an mir lag das aber nicht), als Aushilfe war ich auch in einem Antiquariat zeitweilig angestellt. Der Wunsch, irgendwann einmal ein eigenes Antiquariat zu haben, wechselte nur gelegentlich mit der Vorstellung ab, mit einer riesigen Bibliothek und einem enormen Weinkeller in einem Haus in den Bergen zu leben, keine Menschenseele zu sehen und mit Lesen und Schreiben den Tag zu verbringen. Das würde ich heute nicht mehr wollen. Aber das Antiquariat habe ich geschafft. Obwohl ich da ja mehr oder weniger reingeschlittert bin.
Sie haben einmal erwähnt, das Spitzwegidyll träfe auf ihren Beruf längst nicht mehr zu. Wie kann man sich die Arbeit eines (modernen) Antiquars vorstellen?
Wie es mit einem Ladengeschäft wäre, weiss ich nicht, aber ein Versandantiquariat im 1-Mann-Betrieb ist ein Knochenjob. Das wird sich freilich von anderen 1-Mann-Firmen nicht gross unterscheiden. Der alte Kalauer trifft schon zu, dass selbständig arbeiten bedeute, dass man selbst und ständig arbeite.
Zunächst ist vielleicht der Begriff zu klären: ein "moderner Antiquar" wäre ein Antiquar, der ein so genanntes Modernes Antiquariat führt, das sind Restauflagen und Remittenden. Der Antiquar hingegen handelt mit allerlei Druckwerk, mit mehr oder minder ausgeprägtem Fachgebiet.
Was macht ein Versandantiquar so alles? Bücher ankaufen, Kistenschleppen, Büchersortieren, Recherchieren, Bücher photographieren, verkaufte Bücher aus den Regalen holen, verpacken, Rechnungen schreiben, Buchführung. Aber vor allem Katalogisieren, Katalogisieren, Katalogisieren. Denn jedes nicht katalogisierte Buch ist ein unverkäufliches Buch. Ich schaffe 30 bis 50 Titel am Tag. Also etwa zehntausend Titel im Jahr. Ich arbeite 12-14 Stunden am Tag am Schreibtisch, am Computer. Ich weiss nicht, ob das repräsentativ ist für den Versandantiquar. Hier ists jedenfalls so. Siebentagewoche sowieso. Und was ich nicht selbst mache, macht niemand sonst und ein freier Tag bedeutet nicht freihaben, sondern eben 6-7 Stunden zusätzlich vorarbeiten und 6-7 Stunden zusätzlich nacharbeiten. Die Phantasiegrenzen eines Gewerkschaftlers dürfte es jedenfalls tagtäglich sprengen. Ich arbeite auch am 1. Mai.
Das Spitzwegidyll, das mir einmal vorschwebte, ist das jedenfalls nicht. Das sah so aus: Der Antiquar inmitten tausender Bücher, lesend, blätternd, betrachtend, begutachtend, taxierend und dann und wann kommt ein Kunde, mit dem gelehrt über Ausgaben und Varianten geplaudert wird und ein Zitat das nächste ergibt und der Antiquar behände bei jeder Wendung das passende Buch wie durch Zauberhand aus dem Regal zieht usw.usw. Also fast schon mehr ein Salon als ein Ladengeschäft.
Wie stehen Sie als Antiquar dem digitalen Zeitalter allgemein und dem Thema E-Books im Speziellen gegenüber?
Dem Digitalen Zeitalter stehe ich im Prinzip absolut positiv gegenüber. Ich profitiere jeden Tag davon, ich arbeite im Netz, ich führe schriftliche Gespräche rund um die Erde. Und für einen Informationsjunkie wie mich wäre Netzlosigkeit ein Alptraum. Mit E-Books habe ich keine Erfahrung. Wenn ich die Frage aber auf Open Access / Googlebuchscans etc. abbiegen darf: das finde ich gut. Vorweg ist zu bemerken, dass das zwei völlig verschiedene Themen sind. Ich behandle sie nur zusammen, da es in beiden "Fällen" um die kostenlose Verfügbarkeit von Wissen und Forschung geht. Ich hatte zunächst bedenken, ob ich das gut finden könne, und im ersten Moment als ich Bücher von mir bei Google komplett gescannt und durchsuchbar online fand, fand ich das nicht gut, weil ich ja eigentlich mit meinen Büchern auch Geld verdienen möchte, aber insgeheim fühlte ich mich auch geehrt, denn mir fielen auf Anhieb dutzende Bücher ein, die nicht gescannt worden sind. Aber es bleibt eine Copyrightverletzung, wenn ohne irgendeine Zustimmung ganze Bücher online gestellt werden. Und der Erpressungsmodus ist unangenehm. Dann kam der Heidelberger Appell und immer mehr Verlage sprachen lautöffentlich von der Ausbeutung der Autoren. Der Verleger ist gewiss oftmals Mäzen seiner Autoren, aber Autorenausbeutung sollte der Verleger nicht zu laut anprangern. Da musste ich also unwillkürlich schmunzeln und es war klar, dass ich so oder so Stellung beziehen muss, zumal es ja auch um meine eigenen Bücher geht. Ich habe darüber in meinem Blog geschrieben. Kurz nur so viel: niemand wird ein Dreihundertseitenbuch am Bildschirm lesen und niemand wird ein Dreihundertseitenbuch ausdrucken. Wohl aber wird man beim Reinlesen oder Durchsuchen eines Buches entscheiden können, ob man dieses Buch kaufen möchte oder nicht. Ich selbst habe schon viele Bücher gekauft, die ich vorher bei Amazon oder bei Google anlesen konnte. Andere habe ich nicht gekauft, weil ich sah, dass das nichts für mich ist oder was auch immer.
Genau so wie in einer Buchhandlung: ich blättere in ein Buch hinein und dann springt es mich an und ich kaufe es, oder es lässt mich kalt, dann bleibt es stehen. Ich bleibe aber nicht in der Buchhandlung stehen und lese das ganze Buch. Deshalb ist mein Fazit: Bei einem guten Buch ist jede gescannte Seite ein Kaufargument. Bei einem schlechten Buch ist jede gescannte Seite ein Fingerwegdavonargument. Ich hab' jetzt als Autor geantwortet und nicht als Antiquar. Aber da ist die Sicht ähnlich, vielleicht weniger pointiert. Das Buch hat etwas sinnlich-haptisches, das ein PDF nicht hat. Wenn es irgendwann einmal Kindles in Saffian gibt und E-Book-Sony-Readers mit Pergamentgehäuse und Intarsien, dann wird es auch dafür Liebhaber und also rasch auch Händler geben. Das Buch wird aber nie aussterben. Vielleicht wird Dan Brown dann nicht mehr in 6 Millionen Startauflage gedruckt, aber das sollte nicht der Massstab sein.
Es wird sich wohl manches verändern. Ebenso wie sich vieles veränderte, als das Taschenbuch aufkam. Die Buchbinder und die Buchbinderzulieferer, die Leder und Leinen lieferten, die begrüssten die maschinell gefertigten Romane aus der Rotationspresse gewiss nicht.
Wie bei allem, bei jeder Polemik, bei jedem Medienhype, bei jedem grossen Bohei, muss gefragt werden: cui bono? Wem nutzt es, wer profitiert? Was hat der Putenzüchter von der Schweinepest? Wenn die Verlage gegen Open Access und Google Buchscan sind, so verstehe ich es, weil sie als Mittler marginalisiert werden. Wenn Autoren oder Leser sich dem anschliessen, ist es unlogisch.
Noch einmal: die Frage Googlebuchscan ist eine ganz andere als die nach Open Access. Aber letztlich ist die Unterscheidung eine Variante im Procedere, die grundsätzliche Entscheidung ist dieselbe: Für oder wider die Zugänglichkeit von Forschung und Literatur.
Sehen Sie, ich will gelesen werden. Und ich nehme keinem Autor ab, wenn er anderes sagt. Das ist Koketterie. Kein Autor will nicht nicht gelesen werden.
Die Fragen stellte:
Andreas Schneider
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