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Interview mit Finn-Ole Heinrich

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Finn-Ole Heinrich über Opfer und Täter, über Slam-Poetry und das Geschriebene als Basis für alles Weiterführende. Grübelei über Opportunismus in den ersten Augenblicken, während ich mir Gedanken über die Interviewfragen mache. Ist es opportun, "Du" zu schreiben, anstatt bei einem altmodischen "Sie" zu bleiben? Ich entscheide mich für die alte Mode, weil sie mir jünger erscheint.

Weil ein wissbegieriges "Sie" eine Frage des Respekts ist. Das Interview selbst, eine Brücke über Generationsgrenzen hinweg: Arroganz des Alters, oder die Erfahrungs- und Lebenswut der jungen Jahre? Vergessen, bewahren, auffrischen? Wo beginnt der gemeinsame Weg? Weiter Zum Interview?

 

Mit Ihrem ersten Buch "Die Taschen voll Wasser" haben Sie die Messlatte für Ihre eigene Zukunft recht hoch angelegt. Beängstigend oder ermutigend?
Das ist erst einmal ein sehr schönes und schmeichelhaftes Kompliment. Immer wiederkehrende Zweifel im Schreibprozess gibt es natürlich reichlich, damit stehe ich mit Sicherheit nicht alleine da, aber das hat für mich wenig mit dem Buch zu tun. Das sind Geschichten, die zum Teil fast fünf Jahre alt sind und schon weit, weit von mir und meinen derzeitigen Projekten entfernt sind. Ich selbst messe mich nicht an diesem Buch, auch weil es mir gar nicht wirklich möglich ist zu vergleichen. Ich bin froh, dass ich einen Abstand zu diesem Buch habe, der mir sehr gesund vorkommt. Natürlich hatte ich vor der Veröffentlichung Angst vor dieser offenen Kritik, der man sich ja nur sehr schlecht stellen kann. Das wird auch bei zukünftigen Projekten so sein, da bin ich sicher, aber ich habe - auch durch das Studium und die Veröffentlichung - ganz gut gelernt, mir ein eigenes Urteil zu meinen Arbeiten zu bilden und meine Einschätzung nicht zu sehr an Fremdeinschätzungen zu hängen. Und so lange meine Arbeiten für mich eine Relevanz haben, wird negative Kritik mich treffen, aber mich hoffentlich nicht vernichten. Ansonsten bin ich einfach mal zuversichtlich.

Was würden Sie ihren Protagonisten ratschlagend mit auf den Weg geben? Allen voran und reichlich exemplarisch Emilie und Jonas? Beides Romanfiguren, die komplexbeladen und mit viel zu wenig Selbstvertrauen ausgestattet durch das Leben schreiten. Oder schreiten müssen. Macht und Ohnmacht als Entschuldigung für das eigene Handeln. Legitim?; eine Ausrede oder Flucht in eine innere Abgeschiedenheit?

Wenn ich in der Position wäre, diesen beiden etwas zu raten, würde ich dringend empfehlen sich professionelle Hilfe zu holen. Beide haben ja eine jeweils starke psychische Störung. Die Frage zielt aber recht genau auf den schmalen Grat, auf dem sich beide Geschichten bewegen: Wie viel Schuld trägt ein Opfer, dass aus seiner Opferrolle heraus zu einem Täter wird? Was macht ein Opfer überhaupt zum Opfer, wer macht das Opfer zum Opfer und tut es das nicht vielleicht auch zu einem großen Teil selbst und ab welchem Zeitpunkt wird das Opfer zum Täter? Ist ein Aufbegehren eines vermeintlichen Opfers gegen einen vermeintlichen Täter ein legitimer Akt und wer beurteilt überhaupt, wer Opfer und wer Täter ist? Ich behaupte, dass die jeweiligen Antagonisten von Jonas und Emilie die Täterrolle von sich weisen würden. Soziale Beziehungen sind ja hochkomplexe Gefüge, die zu durchschauen und bewerten unglaublich schwierig ist. Der Grad der Gestörtheit des einzelnen ist allerdings ein feiner Seismograph für den Zustand des gemeinsamen Gefüges. Deshalb interessieren mich solche Figuren auch sehr: sie spiegeln Zustände sehr anschaulich.

Um noch einmal auf Emilie und Jonas zurückzukommen: fühlen Sie sich diesen Menschen besonders verbunden, und können Sie dabei unterscheiden zwischen Fiktion und Realität, oder hat bis zu einem gewissen Grad eine biographische Verschmelzung stattgefunden?
Ich fühle mich den beiden nur insofern verbunden, als ich sie entworfen habe und sie für mich ein Vehikel waren, mich einem Thema zu nähern, zu stellen, es aus ungewohnter Perspektive betrachten zu können - dabei lernt man die Figuren natürlich auch ein Stück weit kennen. Die Unterscheidung ist jedoch völlig eindeutig: Fiktion. Da gibt es keinerlei biographische Verschmelzung. Ich habe eine Szenerie entworfen, Figuren entworfen, beides zusammengeführt und den Figuren in ihrem Handeln zugesehen. Das hat wenig mit mir als Person zu tun, höchstens in der Form, dass ich ein Thema behandele, das mich zum Zeitpunkt des Schreibens interessiert.

Irgendwann, Monate, vielleicht auch Jahre nach der Geburt, beginnt die bewusste Wahrnehmung: sozusagen das Leben. Wer hat Sie in dieser Zeit ? bis heute ? besonders geprägt?
In der Schule habe ich gelernt, dass die ersten vier Lebensjahre die prägensten sind. So oder so sind wohl meine Eltern die Menschen, die mich am meisten in meiner Entwicklung beeinflusst haben. Das ist immer noch der Fall. Allerdings kommen natürlich Menschen hinzu, Geschwister (ich habe drei), Freunde, Partner, Menschen, mit denen man arbeitet und auch Menschen, die einem gar nicht derart nah sein müssen, aber in ihrer Haltung zum Leben etwas Außergewöhnliches, Besonderes repräsentieren und damit ggf. einen Raum für mich geöffnet haben, den ich zuvor nicht hätte betreten, ja vielleicht nicht einmal hätte denken können.

Wenn Sie nach vorne blicken: Gibt es Menschen, denen Sie ähnlich prägende Momente zutrauen? Persönlich, politisch, kulturell und/oder gesellschaftlich? Anders formuliert könnte die Frage auch lauten: Welche Eigenschaften sollten diese Menschen im Gepäck haben?
Natürlich!
Immer und immer wieder trifft man neue und aufregende Menschen, die einem neue Einblicke und Sichtweisen eröffnen. Ebenso traue ich das aber auch altbekannten Freunden, Partnern oder meinen Eltern zu. Da bleibt ja keiner stehen und immer wieder reibt man sich aneinander oder an seinem Entwurf, seiner Haltung und tauscht sich darüber aus und löst neues im anderen aus. Welches "Gepäck" ich in dieser Hinsicht für wichtig halte ist Offenheit, Kritik- und Konfliktfähigkeit sowie Aufrichtigkeit.

Die Gegenwart orientiert sich verstärkt an visuellen Reizen. Das gedruckte Wort bekommt als Aufmerksamkeitsfaktor mehr und mehr Konkurrenz. Trotzdem schreiben Sie. Oder gerade deshalb?
Ich glaube ich schreibe vor allem deshalb, weil es mir hilft, die eigenen Gedanken zu kämmen. Ich bin jemand, der schreibend denkt. Da geht es mir nicht darum, die Position des gedruckten Worts behaupten zu wollen. Ich glaube daran, dass das Schreiben einen festen, unauslöschlich wichtigen Platz hat, denn Geschriebenes ist ja immer auch die Voraussetzung für alles Weiterführende: Lesung, Hörspiel, Theater, Film oder noch ganz andere multimediale Gestaltungsformen. Schreiben ist die Grundlage. Außerdem ist es sehr einfach und unaufwändig, es ist unmittelbar und geht verhältnismäßig schnell und ist billig.

"Geschichte schreiben" ist durchaus doppeldeutig in seiner Bedeutung. Wie haben Sie das geschriebene Wort als Ausdrucksform für sich selbst entdeckt?
Tatsächlich über das Notieren von Gedanken und Ideen. Ich erinnere mich, dass ich früher ständig Briefe geschrieben habe, in denen ich über Themen und Dinge nachgedacht habe, die mich zu der Zeit eben gerade beschäftigt haben. Die Briefe hatten oft keinen oder völlig absurde Adressaten. Mit dem Versuch, die Themen ein Stück weiter von mir wegzubekommen und ihnen mehr Allgemeingültigkeit zu geben sind daraus mit der Zeit eben Geschichten geworden. Und wenn man will, kann man eine Geschichte ja auch als eine Art offenen Brief mit möglichst vielen Adressaten verstehen. Geschichten sind ja eine recht elegante Form, bestimmte Ideen, Gedanken, Vorstellungen zu durchdenken, möglicherweise radikal durchzuexerzieren und daran eben, so es denn gelingt, andere teilhaben zu lassen.

Slam-Poetry-Veranstaltungen: Inzwischen ein zwiespältiges Feld: Pointen als Plazebomaschine für ein herbeigesehntes und erleichterndes Lachen. Wenn Sie, so zumindest unser Eindruck, wenn Sie lesen, geht es nicht um den Kalauereffekt, sondern um das Nachdenken über Gedankenlosigkeit?
Ich empfinde es leider auch so, dass Poetry Slams sich immer mehr zu einer Art speziellen Stand-up-Comedy-Sparte entwickeln. Ich finde es dabei nicht verwerflich, lustige, unterhaltsame Texte zu machen, das Publikum zu unterhalten. Schade ist nur, wenn es zu einer einzigen Nachahmerei dessen wird, was offensichtlich den größten Erfolg verspricht: simple Schenkelklopfer, seichte, gefällige Witze. Dabei bietet der Slam ja eine tolle Plattform, bei der man sehr viel experimentieren kann und eine ganz direkte und unmittelbare Einschätzung erhält. Wenn man ihn sozusagen zur Selbstbestätigung missbraucht, nutzt man nur einen sehr geringen Ausschnitt dessen, was Slam eigentlich zu bieten hat: sehr offene Interaktion mit dem Publikum. Ohne jetzt überheblich und arrogant klingen zu wollen, muss ich aber sagen, dass man eben auch mit Texten, die nicht slam-typisch (oder was darunter heute meist verstanden wird) sind, Erfolg haben kann. Ich bin ja durch den Slam und meine dortigen (Achtungs-)Erfolge zum Mairisch-Verlag gekommen. Und da gibt es ja durchaus noch andere Beispiele. Wer gedankenlos kopiert um anzukommen mag mal einen Slam gewinnen und das ist dann ja auch okay, weil er vielleicht einen Raum voller Menschen unterhalten hat. Aber das war es dann ja auch schon. Ein gutes Gefühl für den Moment, aber nichts, was darüber hinaus Bestand hat. Aber ich will jetzt auch nicht abwerten: Was einige da an Unterhaltung bieten ist auch wirklich sehr, sehr gut. Schade ist eben nur, dass es zunehmend weniger abwechslungsreich wird.

Ein Gedankensprung: Sie studieren Film in Hannover. Welche Art Filme dürfen wir von Ihnen erwarten, hätten Sie freie Hand? Völlig losgelöst von kommerziellen Rahmenbedingungen. Gedanken und Ideen, unabhängig von Produktionskosten.
Das ist eine Frage, die ich so wohl gar nicht beantworten kann. Oder vielleicht ist die Antwort recht langweilig: nämlich wahrscheinlich ungefähr das, was ich im Moment zu drehen plane. Ich mag raue, wahrhaftige Filme, die den Zuschauer ernst nehmen, ihn fordern und zum Denken kitzeln, kraftvolle Filme, die in jedem Fall den Inhalt über die Technik stellen. Ich will damit nicht sagen, dass mir so ein Film bisher gelungen wäre, nur dass ich mich an solchen Filmen orientiere. Und auch wenn ich mir natürlich sehr wünsche, dass ich mal wirklich Geld zur Verfügung hätte, um einen Film so zu machen, wie ich ihn mir vorstelle und all die Leute, die so unglaublich viel an so einem Projekt arbeiten (mich eingeschlossen) angemessen zu bezahlen, finde ich es doch auch sehr interessant und inspirierend, eben schlicht keine Mittel zu haben. Zumindest im Moment. Da muss ich mich fragen: Okay, hier hab ich ne Amateur-Kamera, jemanden, der sie bedienen kann, eine Hand voll Leute, die sich den Arsch aufreißen und einen Kopf, der Ideen ausspucken kann, wenn er sich anstrengt - wie kann ich damit etwas herstellen, dass ich mir selbst gern ansehen würde. Ich halte das momentan für die beste Fragestellung, weil man Geld eben immer nur im Tausch gegen Kompromisse bekommt, die mich dann vermutlich weiter von meinem eigentlichen Verständnis von Film entfernen würden, als es die Kompromisse tun, die ich derzeit aus Geldmangel eingehen muss. Ich mag es im Moment im übrigen sehr, schnell zu produzieren, rotzige Sachen abzuliefern, keine perfekten Bilder und Filme, ich bin da im Moment nicht besonders filmästhetisch unterwegs. Ich finde es gerade sehr spannend, mit möglichst billigen (das meine ich jetzt sowohl finanziell als auch filmtechnisch) Mitteln die größtmögliche Emotion zu erzeugen.

Könnten Sie sich selbst mit der Kamera beobachten, wo würden Sie sich sehen? Innerhalb einer Gesellschaft, die gerade dabei ist, an sich zu zweifeln und manchmal zu verzweifeln? Oder eher dort, wo Sie selbst beeinflussen können, anstatt sich in Hilflosigkeit zu ergeben?
Ach, das ist so ein ständiges Schwanken. Mal bin ich vollkommen verzweifelt über den Zustand der ganzen Welt und dann wieder fühle ich mich prima und sehe auch ganz viel Positives und dann habe ich Ideen und Kraft und Lust und Leidenschaft und meine, wenn nur ein paar Dinge anders laufen würden, sähe alles viel besser aus. Manchmal habe ich da natürlich auch ganz konkrete Ideen. Die finde ich Montags ganz fantastisch und vielleicht auch noch am Dienstag, ich kann dann aber am Mittwoch auch schon wieder völlig verzweifelt sein. Eigentlich bin ich aber ein kämpferischer Typ, keiner, der sich in Hilflosigkeit ergibt. Nur spürt man manchmal eben, wie (wenig) weit der eigene Arm reicht, und wenn man sich noch so reckt und streckt; und das kann dann schon weh tun.

Weil wir eine Tradition ohne Vergangenheit als Tradition mit Vergangenheit etablieren möchten, die neu eingeführte Bonusfrage: Was wünschen Sie der Welt?
Mehr Menschen wie Lucy. Zustände, die Menschen wie Lucy zulassen. Zustände, die einer Person wie Lucy entgegenkommen, sie zur Entfaltung bringen. Das ist jetzt eine alberne Antwort und irgendwie eine selbstreferentielle, aber die Frage ist natürlich auch gigantisch, da antworte ich einfach mal sehr klein.

Im Büchershop: Räuberhände Gestern war auch schon ein Tag Die Taschen voll Wasser

 


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