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Interview mit Edgar Franzmann, Chefredakteur des Internetportals koeln.de
Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 04. Dezember 2009 um 01:00 Uhr Geschrieben von: daswortreich Montag, den 30. März 2009 um 14:27 Uhr
Die journalistische Karriere Edgar Franzmanns begann vor mehr als vierzig Jahren. Sehr früh, bereits 1995, kam er in Berührung mit dem World Wide Web. Von Beginn an faszinierten ihn die mit dem Medium verbunden Chancen aber auch die Gefahren für den Journalismus. Als Online Redaktionsleiter entwickelte er für den DuMont Verlag verschiedene Online-Portale. Aktuell arbeitet Edgar Franzmann bei NetCologne, verantwortlich als Bereichsleiter und Chefredakteur für koeln.de. Privat bevorzugt er eher ruhige Gewässer: Zum Beispiel die Binnenwasserstraßen der Niederlande, wenn er nicht gerade das Tanzbein schwingt oder an eigenen Buchprojekten arbeitet.
Edgar Franzmann, Sie twittern. Was verbinden Sie mit dem Microblogging-System, das es erlaubt, Botschaften mit einer maximalen Länge von 140 Zeichen an Menschen zu versenden, die Ihnen folgen?
Eine Frage aus einem aktuellen wie auch traurigen Anlass: Nach dem schrecklichen Amoklauf in Winnenden (Baden Württemberg) kam eben dieses Microblogging-System Twitter in die Schlagzeilen. Verschiedene Medien, unter anderem CNN versuchten, über Twitterer nähere Informationen zu den Vorgängen zu erhalten. Auch Focus geriet mit seinem Twitter-Account in die Kritik. Und in der Tat: Das kann doch nicht Anspruch eines zukünftigen "Qualitätsjournalismus" sein?
Nein, natürlich hat Twitter nichts mit Qualitätsjournalismus zu tun. Aber Teitter ist eine zusätzliche Informationsquelle, die auch von Journalisten verantwortungsvoll genutzt werden kann. In jedem Fall müssen Informationen natürlich überprüft werden. Es gibt Beispiele, für den Nutzen, den Medien aus Twitter ziehen konnten. Die erste Meldung über die Notwasserung in New York kam über Twitter. Ich selbst erhielt die ersten Hinweise über den Einsturz des Historischen Archivs in Köln auch über Twitter.
Nicht zuletzt benutzten die Attentäter bei der Olympiade 1972 in München erstmals massiv und gezielt die Medien, um ihre fragwürdigen Botschaften zu verbreiten. Wie könnten oder sollten sich die Medien verhalten, um nicht ungewollt als Katalysator für Amokläufer und Terroristen missbraucht zu werden?
Die Medien müssen immer aufpassen, Verbrecher nicht zu Helden werden zu lassen. Nicht zu berichten, ist aber keine Alternative. Verantwortungsvoll berichten, ist die Aufgabe. Twitter selbst ist da als 140-Zeichen-Medium eher unverdächtig. Problematisch wurde es am Beispiel "Winnenden" ja erst dadurch, dass andere Massenmedien ungeprüft Twitter-Gezwitscher mehr oder weniger amtlich verbreiteten. Da liegt das Problem.
Bleiben wir beim Journalismus: "Ein guter Journalist macht aus Goethes Faust einen Wandspruch, sagte mein alter Chefredakteur. Und das 30 Jahre vor Twitter" lautet einer Ihrer Beiträge eben bei Twitter. Wie sind Sie damals, vor mehr als 30 Jahren, zum Journalismus gekommen?
Ich wollte schon als Schüler Journalist werden. Als ich dann in Köln mit dem Studium begann, habe ich auch gleich Kontakt zu den örtlichen Medien gesucht - und gefunden. Das war übrigens schon vor 40 Jahren.
Seit dem Jahr 2000 sind Sie Bereichsleiter Content und Chefredakteur des zu Netcologne gehörenden Internetportals koeln.de. Wie kam es zum Sprung von den Printmedien in die digitale Welt?
Den hatte ich schon fünf Jahre vorher gewagt. Mich faszinierten frühzeitig die journalistischen Möglichkeiten des World Wide Web. Ende 1995 wurde ich Redaktionsleiter online bei DuMont und gründete die Web-Angebote express.de, ksta.de (Kölner Stadt-Anzeiger) und rundschau-online.de (Kölnische Rundschau).
Um noch einmal auf die Aussage Ihres ehemaligen Chefredakteurs zurückzukommen: Welche gravierenden Veränderungen im Journalismus sind Ihnen in den letzten 30 Jahren besonders in Erinnerung geblieben?
Die Medienvielfalt ist rasant gewachsen. Alle Medien, insbesondere das Fernsehen, haben eine Art "Boulevardisierung" vollzogen. Insgesamt beklage ich die Ausbreitung eines sogenannten "Verlautbarungsjournalismus", "Hofberichterstattung" auf moderne Art. Es wird viel zu schnell und kommentarlos berichtet, was irgendein Offizieller gerade verbreiten möchte. Gerade die Zeitungen hätten da eine Chance, für mehr Nachdenklichkeit und Orientierung zu sorgen.
Sie leben und arbeiten bereits eine gefühlte Ewigkeit in Köln. Ihr Engagement für die Stadt und die Region ist in politischer und kultureller Hinsicht sehr vielfältig. Was verbindet und verbinden Sie mit der Domstadt außer Karneval und Klüngel?
Ich erlebe Köln vor allem als sehr lebendige, weltoffene Stadt. Der Karneval, und da vor allem die kölschen Lieder, sorgen dafür, dass die kölsche Sprache nachhaltig gepflegt wird. Das gefällt mir. Der Klüngel, so die Lehre aus dem Einsturz des Historischen Archivs, ist eine tatsächliche Gefahr für die Zukunft Kölns. Die alte kölsche Lebensweisheit "Et hätt noch immer jot jejange" (es ist noch immer gut gegangen) führt zu oft dazu, dass für notwendig erachtete Änderungen doch nicht durchgeführt werden. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass die Kölner das in den Griff bekommen.
Alle Welt redet von Berlin als die Literaturstadt schlechthin. Bleiben wir lieber in Köln: Sie haben einen Kölnkrimi mit dem Titel Millionenallee geschrieben, der in Kürze erscheinen wird. War und Ist Köln mehr Kulisse oder mehr Inspiration?
"Millionenallee" wird im Oktober als Köln-Krimi im Emons-Verlag erscheinen. Der Roman konfrontiert das Milieu der ganz Reichen mit dem Milieu der ganz Armen und spielt teilweise auf dem Melaten-Friedhof, dessen Mittelachse mit den Gräbern der Elite im Volksmund "Millionenallee" heißt. Die Inspiration kam mehr aus diesem Gegensatz, Köln liefert dazu die konkreten Schauplätze.
Aktuell haben Sie die Arbeit an Ihrem Buch "Der große Deutsche Roman" wieder aufgenommen, mit dem Sie 2006 begonnen haben. Der Titel klingt episch und nach sehr viel Aufwand. Verraten Sie unseren Leserinnen und Lesern etwas über die Handlungsorte und um was es gehen wird?
Ist schon schlimm, was man via Twitter alles verrät. In "Der Große Deutsche Roman" geht es um einen Blick hinter die Kulissen des deutschen Buchmarktes. Kann es sein, dass das Buch eines unbekannten Autor als das Werk eines anderen verkauft wird, eines Groß-Schriftstellers, um so mehr Auflage zu erzielen? Das ist eine Kernfrage, der ich nachgehe. Schauplätze sind Köln, Berlin und die niederländische Küste.
Wie auf Twitter und Ihrer privaten Homepage nachzulesen ist, haben Sie vor kurzem eine Segelyacht erstanden und ihr den Namen Slow Fox gegeben. Wie sähe der Wunschort aus, den Sie am liebsten ansegeln würden?
Die Yacht hat keine Segel, sondern sie ist eine 40 Jahre alte Motoryacht, für die ich einen Liegeplatz in Roermond gefunden habe. Die Niederlande mit ihren endlosen Binnenwasserstraßen sind mein Traumrevier.
Wir danken Edgar Franzmann für die Antworten.








