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Interview mit Andreas Heidtmann, dem Gründer des poetenladen
Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 23. Mai 2010 um 16:42 Uhr Geschrieben von: daswortreich Donnerstag, den 29. Januar 2009 um 00:00 Uhr
Andreas Heidtmann, ausgebildeter Pianist, den eigenen Horizont erweitert durch das Studium der Germanistik und Philosophie, lebt derzeit in Leipzig, vielleicht Deutschlands aktueller Literaturhauptstadt. 2005 hat er mit viel Energie und genau so viel Enthusiasmus den poetenladen im Internet ins Leben gerufen. 2007 kam der Verlag hinzu, um neue Ansätze des heutigen Schreibens vorzustellen. Wir freuen uns auf das Interview per E-Mail.
Vorneweg gefragt: Herr Heidtmann, über welche Themen unterhalten Sie sich am liebsten mit anderen Menschen, wenn Sie sich einmal nicht über Literatur unterhalten möchten?
Ich zitiere gern Kafka, der einmal schrieb: Alles was sich nicht auf Literatur bezieht, hasse ich. Soweit würde ich nicht gehen, denn vieles lässt sich mit Literatur in Verbindung bringen: Musik, Kunst, Politik - man könnte sagen, alles ist literarisch. Auch das scheinbar nichtliterarische Gespräch.
2005 erschien Ihr Buch "Storys aus dem Baguette. Einundzwanzig Geschichten". Um was geht es in diesen einundzwanzig Geschichten?
Ich habe versucht, ohne viel Aufhebens Geschichten zu erzählen.
Laut Biografie sind Sie ausgebildeter Pianist, dazu haben Sie Germanistik und Philosophie studiert, als Komponist, Autor, Lektor und Herausgeber gearbeitet; aktuell als Verlagsleiter des von Ihnen ins Leben gerufenen poetenladen mit dem seit 2007 angeschlossenen Verlag. Wie passt das alles zusammen?
Es ging poco a poco. Das Klavier ist Ausbildung von der Kindheit bis zum Studium an der Kölner Musikhochschule. Meine Leidenschaft galt aber mehr der Literatur. Wenn ein Buch fertig ist, verliere ich allerdings so schlagartig das Interesse daran, dass ich nichts weiter dafür tue. Doch irgendwann entstand während des Schreibens der Gedanke, die Rollen einmal grundlegend zu tauschen. Zum Internetportal kam es, weil ich mich schon früh für die Internettechnik interessierte und im Freundeskreis einige Layouter hatte. Der Zuwachs an Autoren plagt mich seither. Es war eigentlich nur stringent, dass daraus ein Verlag erwuchs.
2005 aus der Taufe gehoben, zählt der poetenladen mittlerweile zu den meistbesuchten Seiten im Bereich der "neuen deutschsprachigen Literatur im Internet". Wie viel Aufwand, und vor allem: wie viel Enthusiasmus steckt dahinter?
Von allem viel zu viel. Seitdem der poetenladen existiert, habe ich mehr als 10.000 Mails geschrieben, wohlgemerkt keine Rundbriefe. Ich überlege noch, wie ich Bill Gates davon überzeugen kann, dass es sich lohnt, dem poetenladen unter die Arme zu greifen
. Aber leider wäre der poetenladen dann nicht mehr der poetenladen, sondern eine sorgenfreie Literaturinstitution. Sobald man geworden ist, was man wünschte zu sein, verliert man wohl den Enthusiasmus.
2007 kam zum digitalen poetenladen der Verlag hinzu, verbunden mit dem Ziel, beispielhaft neue Ansätze des heutigen Schreibens vorzustellen und zu publizieren. Wo genau sehen Sie diese "neuen Ansätze?"
Ich mag Literatur, die etwas riskiert. "Neue Ansätze" heißt natürlich auch "junge Literatur", denn die Alten und Bekannten sind ja überwiegend verlegerisch versorgt. Oder halten Sie es für wahrscheinlich, dass Herr Grass anfragt, ob er seinen nächsten Roman im poetenladen publizieren darf? Es gibt natürlich Autoren, die zwar laut Pass alt sind, aber in Wahrheit sehr jung. So wirken direkt oder indirekt im poetenladen Autoren mit wie Friederike Mayröcker oder Gerhard Zwerenz, der wöchentlich ein Kapitel für den poetenladen online verfasst, und weiterhin Schriftsteller wie Adolf Endler oder Peter Kurzeck.
Als Verlagsleiter publizieren Sie ebenfalls das Magazin "poet". Ausgabe 6 wird im Februar erscheinen. Wo und welche Synergien sehen Sie zwischen Einzelpublikationen des Verlages und dem Magazin?
Der "poet" ist eine unabhängige Zeitschrift. In der nun erscheinenden Nummer 6 ist kein Autor aus dem Verlag mit Primärtexten vertreten. Hilfreiche Effekte ergeben sich aber dadurch, dass eine anspruchsvolle Zeitschrift demonstriert, dass man es ernst mit der Literatur meint. Und echte Synergien ergeben sich mit dem nichtkommerziellen online-poetenladen, da wir über das Portal viele junge Autoren ansprechen. Es ist eine wirklich großartige Kommunikation, was die junge und junggebliebene Literatur angeht. Daraus filtern wir dann den "poeten".
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Ihr realer Stammsitz befindet sich in Leipzig. Aus dem entfernten Köln betrachtet, erhält man den Eindruck, in Leipzig passiere "unheimlich" viel bezüglich Literatur. Einerseits sicherlich in Zusammenhang mit der Tradition der Leipziger Buchmesse, andererseits natürlich verbunden mit dem Deutschen Literaturinstitut. Wie beurteilen Sie selbst die "literarische Dynamik" in Leipzig?
Sie nannten zwei wesentliche Faktoren, das DLL und die Buchmesse, beides hat starke Auswirkungen. Beides wirkt überregional. Das Literaturinstitut zieht junge Autoren an und hält manche in der Stadt.
Bleiben wir beim Deutschen Literaturinstitut: In einem Vorwort zur Jahresanthologie "Tippgemeinschaft 2006" echauffiert sich Juli Zeh über die Dissonanzen zwischen Literaten und Einrichtungen wie eben dem Literaturinstitut, an dem "Schreiben" gelehrt wird. Woher kommen diese teilweise mangelnde Akzeptanz und die Berührungsängste im (ehemaligen) Land der Dichter und Denker?
Natürlich ist es nicht ganz unproblematisch, wenn Literatur institutionalisiert wird. In der Malerei und der Musik war das seit je selbstverständlich, wobei festzuhalten ist, dass hier überwiegend reproduzierende Künstler geschult werden. Wem nützt es, wenn mittlere Talente ausgebildet werden, so dass am Ende lesbare Texte herauskommen? Es ist der Literaturbetrieb, der permanent Talente (ver)braucht. Schauen Sie sich die Waschzettel an - ein wunderbarer Bluff, denn wir alle wissen, dass nicht jeden Tag eine Ingeborg Bachmann geboren wird. Niemand wird ernstlich behaupten, dass wir heute dank Literaturschulen eine bessere Literatur haben als 1870, 1920 oder 1960. Was diese Schulen attraktiv macht, ist ihre Anziehungskraft für ein ganzes Spektrum junger Literaten - und unter ihnen sind dann natürlich auch einige grandiose Schreiber.
Zum Abschluss: Welche positiven Impulse wünschen Sie sich für die neue deutsche Literaturlandschaft in der näheren Zukunft?
Man sollte probeweise einmal die Fördemittel, die Kulturinstitutionen erhalten, an freie Projekte geben. Das Land würde eine atemberaubende Renaissance der Kultur erleben. Ich betrete zum Beispiel ungern Literaturhäuser, denn sie wirtschaften nach einem literarischen McDonald's-Konzept: Der Besucher bekommt überall das Gleiche. Die gerade gängigen Autoren werden von München über Köln, Leipzig bis Hamburg durchgereicht. Wie schön ist es beispielsweise, in einer Buchhandlung einen prominenten Autor zu erleben. Die Literatur muss raus aus den verwalteten Instanzen ins Geschehen, in die Läden, die Cafés, in Hotels (eine Bibel im Nachtschrank reicht nicht), in die Schulen und vor allem zu denen, die noch gar nicht wissen, dass sie sie brauchen. Genau das wünsche ich mir - eine neue finanzgärnterische Gewichtung, weg vom gepflegten Literaturkunstrasen zur blühenden Literaturlustwiese.
Wir danken Andreas Heidtmann für die Zeit, die er sich genommen hat.
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