CB Login

Interview: Jan Christophersen: Mit Lenz verglichen zu werden ist...

PDFDruckenE-Mail

Jan Christophersen wurde 1974 in Flensburg geboren. Aktuell lebt er mit seiner Familie in der Nähe von Schleswig. Wie in den Kieler Nachrichten im Januar nachzulesen war, wollte Jan Christophersen zunächst Musiker werden. Das Problem: Aus den ursprünglich angedachten Songtexten erwuchsen letztlich Geschichten. Der nahe liegende Entschluss wurde gefasst, ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig zu absolvieren. "Schneetage" ist Jan Christophersens Debutroman.

Jan Christophersen, Zufall, dass Ihr Roman "Schneetage" genau dreißig Jahre nach der weißen Katastrophe in Norddeutschland auf den Markt kam?
Reiner Zufall. Wenn es nach mir und meinem ursprünglichen Arbeitsplan gegangen wäre, dann wäre der Roman eine ganze Zeit früher fertig geworden. Das hat sich aus verschiedenen Gründen leider nicht machen lassen. Allerdings hat dieser Zufall gewiss geholfen, dass der Roman so gut wahrgenommen wurde, jedenfalls im Norden des Landes, wo man sich an die Schneekatastrophe von 78/79 noch erinnert.

"Schneetage" ist ein großartiges Debut. Was für ein Gefühl ist es, zum ersten Mal einen eigenen Roman gedruckt in der Hand zu halten?
Das wird Ihnen jeder bestätigen, der es erlebt hat: Wunderbar ist es. Man hat schließlich lange darauf hingearbeitet (in meinem Fall mehr als sechs Jahre). Und dann ist es auch noch ein, wie ich finde, schönes Buch geworden.

In der Besprechung von "Schneetage" auf kulturnews.de werden Sie betitelt als "Siegfried Lenz Reloaded": Ansporn für Sie oder eher eine Bürde?
Mit Lenz verglichen zu werden, ist durchaus schmeichelhaft. Es ist auch naheliegend, da mein Roman in der gleichen Gegend spielt wie sein wahrscheinlich berühmtester (und bester) Roman (der - das nur nebenbei - am Ende meines Buches von einer der Hauptfiguren verschenkt wird). Auch die Stimmungen in beiden Büchern ähneln sich. Ganz sicher habe ich vieles übers Erzählen bei meiner Lenz-Lektüre lernen können. Aber natürlich weiß ich, wo die Unterschiede liegen. Ob mir der Vergleich mit Lenz beim weiteren Schreiben helfen oder eine Bürde sein wird, das muss sich zeigen. Ich weiß es noch nicht. Jetzt freue ich mich erst einmal darüber. Man kann ja wirklich mit schlechteren in einen Topf geworden werden.

Gerne ziehen Literaturkritiker Vergleiche bei Buchbesprechungen zwischen Autoren und deren Werken. Wenn Sie literarische Vorbilder haben, wie gehen Sie mit diesen während dem eigenen Schreibprozess um?
Ich versuche, nicht allzu viel daran zu denken. Und wenn ich merke, dass ich beginne, einen bestimmten Ton anzunehmen, den ich aus einem Buch habe, das mich gerade begeistert, bemühe ich mich, so schnell wie möglich wieder davon wegzukommen. Es gibt bestimmte Bücher und Autoren, die sehr schreibprägend auf mich wirken. Ich muss aufpassen, wann und ob ich sie lese. Unbemerkt hat das, was man liest, natürlich immer Einfluss. Es sollte vielleicht nur ein gewisses Maß nicht überschreiten.

Sie haben ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig absolviert. Wie viel Talent und wie viel Handwerk benötigt es, einen Roman wie "Schneetage" zu schreiben?
Beides ist nötig. Ich selbst würde da aber keine so straffe Trennung ziehen. Das läuft eher Hand in Hand, ergänzt sich im Idealfall. Vor allem aber braucht man Geduld, mit sich selbst und mit den Figuren, und das ist etwas, das ich erst nach dem Studium gelernt habe, während ich an dem Roman schrieb. Auch wenn ich es mir zwischendurch anders gewünscht hätte (siehe Antwort 1 und den ursprünglichen Arbeitsplan), kann man bestimmte Dinge eben nicht einfach übers Knie brechen, Talent hin, Handwerk her. Da muss man dann einfach geduldig sein und abwarten können.

In "Schneetage" schreiben Sie viel über die Landschaft und die Situation der häufig entwurzelten Menschen nach dem zweiten Weltkrieg. Wie wichtig sind Ihnen die Begriffe Heimat und Familie in unserer heutigen Zeit?
Einer der Gründe, diesen Roman zu beginnen, war es, mir die Bedeutung dieser beiden Begriffe schreibend zu erklären. Ich wollte sehen, was hinter ihnen steckt. Insofern würde ich sagen: Meine Antwort findet sich im Buch.

Sie haben lange Zeit mit Ihren Protagonisten verbracht. Was passiert mit diesen "Romanfiguren" nach dem Verfassen der "famous last words"? Oder anders gefragt: Sind Sie schon neuen literarischen Figuren begegnet?
Die Figuren und mit ihnen der Roman entfernen sich langsam, aber stetig. Spätestens mit den ersten Leserreaktionen hat das eingesetzt, und das war etwas Neues für mich. Bis vor kurzem habe ich meine Leser ja fast immer persönlich gekannt; ich habe ihnen mein Manuskript in die Hände gedrückt, weil ich ihre Meinung dazu hören wollte. Jetzt haben so viele Menschen dieses Buch gelesen - was natürlich wünschenswert ist -, ohne dass ich sie kennenlernen und ohne dass ich erfahren werde, wie und ob es ihnen gefallen hat. Das heißt dann auch, dass mir das Geschriebene nicht mehr allein gehört. Das ist schön und seltsam zugleich. Aber es gibt inzwischen auch einen neuen Roman, an dem ich schreibe, neue Figuren, die schon länger ein Schattendasein gefristet haben. Die kennt bis jetzt (fast) noch keiner. Ich genieße das sehr, insbesondere weil im Moment alles noch so unklar ist. Anfangen ist immer ein Vergnügen, weil noch nichts entschieden ist und man theoretisch alle Möglichkeiten hat. Schon nach der ersten Seite ist das etwas anders und nach wenigen mehr steht der Kosmos, mit dem man die nächste Zeit als Autor zu tun haben wird, einigermaßen fest. Dann kann man beginnen, mit dem Roman zu leben. Das ist eine schöne Erfahrung, die ich nur jedem empfehlen kann.

Eine letzte, in diesen unseren Zeiten fast schon obligatorische Frage: Wie stehen Sie als Autor zur Diskussion um Urheberrechte und E-Books als zukünftiges Trägermedium?

Das sind meiner Einsicht nach zwei ganz unterschiedliche Dinge. Ich habe selbstverständlich gar kein Problem damit, wenn sich jemand einen Roman nicht als gedruckte Fassung, sondern als E-Book zulegt und dann auf seinem Reader liest. Problematisch dagegen ist es, wenn - wie etwa gerade durch Google - des Urheberrecht untergraben wird und die Inhaber dieser Rechte keine oder nur unzureichende Chancen haben, sich dagegen zu schützen. Zum Glück regt sich da Widerstand. Es ist ein Gemeinplatz, aber es muss einen Schutz dieser Rechte geben, denn sie sind die Grundlage für die ohnehin unsichere Existenz als Kulturschaffender.

---------------------------------------
Wir bedanken uns bei Jan Christophersen für die Antworten und wünschen weiterhin alles Gute.

 


blog comments powered by Disqus

Neue Bücher

Brigitte Reimann: Jede Sorte von Glück (Taschenbuch) Brigitte Reimann: Jede Sorte von Glück (Taschenbuch) €11.95
Rolf Wintermeyer: Duval, der wilde Mann am Wiener Hof Rolf Wintermeyer: Duval, der wilde Mann am Wiener Hof €29.80
Hugo Ramnek: Der letzte Badegast (Gebunden) Hugo Ramnek: Der letzte Badegast (Gebunden) €18.80
Wir haben 23 Gäste online

Verwandte Beiträge

Der literarische Frühling

Terminkalender

<<  März 2010  >>
 Mo  Di  Mi  Do  Fr  Sa  So