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Guy Helminger über Fernsehquoten, Schlammkröten und seinen neuen Roman

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Portrait Guy HelmingerGuy Helminger, 1963 in Luxemburg geboren, lebt und schreibt seit 1985 in Köln. Er studierte Germanistik und Philosophie und sagt, dass er durch das Schreiben von Gedichten sein Faible für Bilder und Metaphern entdeckt hat. 2004 gewann Guy Helminger den 3sat-Preis in Klagenfurt. Er war als Stadtschreiber in Indien und im Rahmen des Projektes West-östlicher Diwan im Iran. Heuer erscheint sein Roman "Morgen war schon". Wir freuen uns auf das Interview per E-Mail mit Guy Helminger.

Herr Helminger, Sie haben Germanistik und Philosophie studiert, um dann als Barkeeper, Regieassistent und 3D-Grafiker zu arbeiten. Eine modern klingende Karriere mit Abzweigungen auf dem Weg zum Schriftsteller. Hatten Sie jemals Zweifel daran, Ihr Ziel zu erreichen?
Wenn ich ehrlich bin: Nein! Weil ich immer schon Schriftsteller war - zumindest seit ich mein erstes Gedicht geschrieben hatte - auch wenn meine Mitbürger diese Tatsache ignorierten. Ich habe studiert, weil ich wußte, es ist die einfachste Art, sich mit Literatur auseinanderzusetzen. "Einfach" insofern, als ich mir keine Stunde irgendwo abknapsen mußte, weil irgendein Geldjob mir alle Zeit wegnahm. Ich konnte meine toten und lebenden Kollegen lesen und mich mit dem auseinandersetzen, was ich selbst produzierte. Und als die Uni zu Ende war, habe ich erstmal aus dem gleichen Grund nur gejobbt. Täglich einer geregelten anderen Arbeit nachzugehen, hätte mir einfach zu wenig Zeit gelassen, also habe ich mich arrangiert. Eine Hälfte der Woche, um Geld zu verdienen und Erfahrungen zu sammeln, die andere, um diese Erfahrungen niederzuschreiben. Aber, wie gesagt, selbst wenn ich nicht von Literatur leben könnte, wäre ich deshalb nicht weniger Schriftsteller. Es gibt so viele gute Autoren, die keine Marktpräsenz haben, weil sie nicht bei einem der großen Verlage gelandet sind, vom Betrieb nicht wahrgenommen werden und trotzdem nicht erst auf dem Weg zum Schriftsteller, sondern es längst sind.

Portrait Guy HelmingerDer Roman "Die Ruhe der Schlammkröte" erschien 1994 und wurde vor kurzem von Manuel Andrack als Herausgeber bei Kiepenheuer & Witsch neu aufgelegt. Handlungsort: Die Station, legendäre Kölner Punkkneipe in den 80ern - Guy Helminger hinterm Tresen, Manuel Andrack vorm Tresen. Wie kam es zur Wiederentdeckung Ihres Romans durch den medialen Begleiter Harald Schmidts?
Manuel hat mir eines Tages eine Mail geschickt, in der stand, er hätte da so eine Idee. Wir haben uns dann getroffen und er schlug vor, das Buch neu herauszubringen. Er zückte dabei eines dieser Reclamheftchen, auf dem stand: Dokumente und Erläuterungen zu einem Klassiker. Ich fand die Idee großartig. Sowohl für Manuel als auch für mich bedeutete die Zeit in der "Station" viel, und wir sind bis heute davon geprägt, hören noch immer die alte Punkmusik, kennen noch die Leute von damals. Was lag näher, als ein Buch, das nicht zurückblickt, sondern in dieser Zeit entstand, wieder zum Leben zu erwecken, augenzwinkernd die Jahre im Sumpf zu kommentieren, sich zu freuen und ein Bierchen dazu zu trinken, soweit die Leber noch mitmacht.

Zehn Jahre später, 2004 haben Sie in Klagenfurt den 3sat-Preis gewonnen mit der Kurzgeschichte Pelargonien, in der sich ein Mann als Unfallzeuge wie durch einen Türspalt in das Leben des mehr oder weniger hilflosen Opfers zwängt. Die Jury hat Pelargonien dem Krimi-Genre zugeordnet. Ist es wirklich einer?
Nö. Aber sobald in einer Geschichte "Suspense" auftaucht, wird der Text als Krimi verortet. Das sind die Hilfsmechanismen mit denen der Leser und eben auch die Kritik operieren. Ein Krimi hat für mich immer grundlegend das Moment des Verbrechens und seiner Aufklärung. Ob diese geleistet wird, spielt keine Rolle, aber es muß zumindest so getan werden als ob. In "Pelargonien" gibt es weder ein Verbrechen, auch kein Geheimnis, noch versucht jemand eins zu lösen oder aufzuklären. Da werden nur Menschen beschrieben, von denen zumindest einer sich etwas merkwürdig benimmt und seine Umwelt nicht ganz richtig einschätzen kann. Aber es passiert eigentlich nichts. Sogar die Bedrohung, die der Leser und die Frau im Text empfinden, ist von der Figur Frank Perl eigentlich nicht beabsichtigt. Vielmehr strebt er nach Harmonie. Wo gibt es denn so etwas: ein Krimi, der auf Harmonie aus ist?

Portrait Guy HelmingerPassend zum Ingeborg Bachmann-Preis das Stichwort Performance. Sie leiten Seminare, in denen Sie Autoren das Vorlesen und Vortragen ihrer eigenen Texte näher bringen. Ein mit entscheidender Aspekt in Klagenfurt. Wie wichtig ist die richtige Performance für Gegenwartsliteraten generell?
Ich habe schon länger kein Seminar mehr geleitet, aber früher, das ist richtig. Trotzdem halte ich das Klangliche für einen fundamentalen Aspekt von Literatur. Die Art und Weise wie ich etwas sage, transportiert doch meist mehr Information, als das Gesagte selbst. Wer darauf beim Lesen verzichtet, erstickt einen Teil seines eigenen Textes. Ich habe es schon oft betont und werde es immer wieder tun, auch wenn viele Kollegen darüber sauer werden und sagen, die Literatur müsse für sich selbst sprechen, sie sei sich selbst genug: Wer auf die Bühne geht und liest, sollte vorher üben. Es geht nicht darum ein großes Brimborium zu veranstalten, sondern schlicht und einfach den Ton dessen, was man geschrieben hat, zu treffen. Das ist man nicht nur dem Publikum schuldig, sondern auch der Literatur. Sprache - und Literatur besteht aus nichts anderem - ist nur etwas Schriftliches, weil man durch den Druck mehr Menschen erreicht. Im Hauptberuf ist sie gesprochenes Wort. Stellen Sie sich einmal vor, jeder Mensch, den sie ansprechen, ob beim Bäcker oder beim Arzt, antwortet Ihnen ohne Klangfarbe, ohne Tonvariante, komplett monoton. Da schlafen einem doch nicht nur die Füße ein, da wird es bedrohlich, ein Science-Fiction-Szenario tut sich auf, Wüste ist zu sehen, verbranntes Land. Und so soll Literatur sein? Fernab von der Vitalität des Lebens? Mausetot? Ich bitte Sie, so krank und passiv kann ich gar nicht werden, als daß ich dem zustimmte.

Juni/Juli 2006 waren Sie als Stadtschreiber in Hyderabad in Indien. Ihre bebilderten Impressionen sind nachzulesen auf den Seiten des Goethe-Instituts. Welche Eindrücke sind mehr als ein Jahr danach noch präsent?
Eigentlich alles. Ich habe einen Hang zur Ferne, zum Fremden. Ich liebe es, als Alge irgendwo im Meer zu treiben und kein Ufer mehr zu sehen, einzutauchen in Unbekanntes, sich zu verlieren. (Im Hinterkopf weiß ich ja trotzdem immer, wie die Adresse von meinem Hotel lautet.) Indien war bei aller Problematik eine nachhaltige Erfahrung, die Eindrücke so wuchtig, daß ich ganze Szenen heute in Farbe aus meinem Gedächtnis abrufen kann. Hinzu kamen Menschen, die sich so freundlich um mich gekümmert haben, daß etwas wie Freundschaft entstanden ist, obwohl ich vielleicht niemanden von Ihnen je wiedersehen werde. Ich hoffe allerdings nicht. Ich würde jedenfalls sofort wieder hin. Als die Attentate neulich in Hyderabad waren, habe ich sofort geschrieben und nachgefragt, ob alle, die ich kennen gelernt hatte, wohlauf seien. Auch habe ich eine Kurzgeschichte begonnen, in der Indien eine Rolle spielt. Irgendwann wird ein Band mit kurzen Erzählungen erscheinen und Indien wird das Land sein, das sie zusammen hält.

Anfang 2007 waren Sie im Rahmen des Projektes West-Östlicher Diwan" erneut für einigen Wochen im Ausland. Dieses Mal in Teheran. Abgesehen davon, dass Sie von einem Falafel besiegt wurden: Beim Lesen Ihrer Impressionen ist aufgefallen, dass sich die vorurteilsbasierten Kommentare mehr und mehr verflüchtigten, je differenzierter Sie ein Bild der iranischen Hauptstadt und ihren Menschen gezeichnet haben. Existiert der Iran überhaupt so, wie er in den westlichen Medien dargestellt wird?
Ja, sicher gibt es diesen Iran, es gibt die Diktatur der Mullahs, es gibt Ahmadinedschad, es gibt die Hinrichtungen, die Unterdrückung usw. Aber es gibt eben auch einen riesigen Bevölkerungsteil, der mit den Mullahs nichts zu tun haben will und den findet man vor allem in den Städten. Mich haben täglich Menschen auf der Straße angesprochen, um mir mitzuteilen, daß sie mit dem Regime nichts zu tun haben wollen. Ich habe Frauen gesehen, die allein durch die Kleidung alles daran setzen, den Mullah-Vorschriften zuwiderzuhandeln, obwohl sie das ins Gefängnis bringen kann. In einem Land, in dem schon das Hochgelen der Haare ein Delikt ist, wird das Tragen eines Metallica-T-Shirts leicht zum revolutionären Akt. Und Teheran ist voll von diesen Akten. Die Jugend zum Beispiel will größtenteils nichts mehr mit Religion zu tun haben, eben weil sie unter dem Regime groß geworden ist und nur die Unterdrückung im Namen Allahs kennt. Ich dachte, wenn ich schon eine Zeitlang in Teheran und Esfahan verbringe, dann sollte ich auch niederschreiben, was die Menschen sagen und fühlen, zumindest diejenigen, die mich ansprechen. Denn die, die den Westen für einen Tummelplatz der Dekadenz halten und mich als Feind ansahen, haben sich natürlich nicht bei mir gemeldet.

Am 12. September 2007 erscheint aktuell Ihr neuer Roman "Morgen war schon" im Suhrkamp Verlag. In der Kurzbeschreibung ist zu lesen, dass Louise von einer Reise nach Neuseeland träumt und ihr Mann, der Taxi fahrende Choleriker Feltzer (hätte auch Fetzer gepasst) fünf ausgemergelte Stoffgiraffen als seine Lieblingsfahrgäste bezeichnet. Klingt, als würden Sie ähnlich verlorene und verstörte Charakter aufgreifen wie zum Beispiel bei den Kurzgeschichten in Etwas fehlt immer?
Was "Feltzer" anbelangt, müssen Sie das Buch lesen, nur dort gibt es die Namensklärung. "Fetzer" hätte ich niemals genommen, es sei denn, ich wollte auf das Stück: "Klassenfeind" von Nigel Williams anspielen. Ansonsten scheint mir der Name auf ewig besetzt.
Meines Erachtens haben alle Menschen Tics, versteckte Dinge, die in ihnen brodeln. In "Etwas fehlt immer" habe ich mir die Kandidaten ausgesucht, bei denen die Verhaltensweisen bereits in einem fortgeschrittenem Stadium angelangt waren. Im neuen Roman sind die "Leidenschaften" meiner Figuren alltäglicher; es geht vor allem um das Sammeln, vom Aschenbecher über die Liebschaft bis zur Plüschgiraffe. An einer Stelle sagt eine Figur in etwa folgendes: "Wenn die Sammlung in Ordnung ist, braucht man sich um das eigene Leben nicht mehr zu kümmern." Aber das sind nur Nebenströmungen, hauptsächlich versuche ich ein Kölner Gesellschaftspanorama aufzuzeichnen von den 50er Jahren bis zum Jahre 2005. Im Mittelpunkt stehen Fragen der Entwicklung, also etwa: was habe ich immer gewollt und wo bin ich gelandet? Was gebe ich meinen Kindern mit? Und von Seiten der Kinder: was habe ich von meinen Eltern und will ich das überhaupt? Anhand der Figuren werden die scheinbar statischen Begriffe von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beleuchtet und zeigen sich als sehr dehnbar. Das was vergangen scheint, taucht plötzlich neu auf; im Neuen, zeigt sich Gewesenes. Auch das Thema Gegenwart erleben, steckt drin. Denn eigentlich erleben wir ja nie das, was wir gerade erleben. Während wir essen, sind wir schon bei der Aktion, die auf die Mahlzeit folgen wird. Und während wir trinken, wühlen wir in Vergangenem. Wir erleben Gegenwart immer nur dann, wenn sie unerträglich wird, wenn sie sich aufdrängt und nicht mehr vergeht, wenn es nach stehendem Jetzt riecht. Und genau das passiert meinem Paar im Roman, eine Katastrophe.

In unserer Buchbesprechung im Wortreich zu "Etwas fehlt immer" haben wir uns ein wenig an den ausufernden literarischen Lichtreflexionen gerieben (Absätze, in denen das Licht zerfasert, sich zu Rechtecken bündelt, verwinkelte Ecken ausputzt, Lichtfliesen, die sich zeitlupenhaft die Wand hochziehen, Lichtstrahlen, die randlos aus Gärten wachsen, viereckig ums Klo liegen, vom Mond gesiebt werden, hie und da fahrig zwischen die Häuser flecken). Eine Art literarischer Leidenschaft oder die Pflege eines "Markenzeichens"?
Da ich momentan so viel Prosa schreibe, kommt die Lyrik etwas zu kurz, aber ich habe durch das Schreiben von Gedichten eine Vorliebe für Bilder und Metaphern entwickelt. Und auch den Mut, sprachliche Bilder etwas weiter zu treiben, als das gemeinhin akzeptiert wird. Die Kritik ist für meine Begriffe oft etwas zu schnell mit einem "Das ist ein schiefes Bild" zur Stelle, wenn es den herkömmlichen Gepflogenheiten nicht ganz entspricht. Ich entwickele meine Bilder, indem ich dem Licht zuschaue, wie es sich bewegt, wie es sich in verschiedenen Situationen verhält und ich gehe nicht gerade leichtfertig mit Sprache um. Vielleicht sollten Kritiker sich auch mal die Zeit nehmen, das Licht zu beobachten und es dann zu beschreiben versuchen. Man mag diese lyrischen Versatzstücke in Erzählungen und Romanen nicht schätzen, aber dazu kann ich dann nur sagen, dann müssen sie andere Bücher als meine lesen. Hinzu kommt, daß in allen Dingen etwas steckt, daß wir sie uns als beseelt vorstellen können. Ich halte es im Gegensatz zu Martin Mosebach für nicht wahrscheinlich, daß ein Stein, den man ausgräbt, sich noch jahrelang darüber nicht beruhigen kann, aber die Vorstellung davon ist faszinierend, weil wir sie haben können. Und welche Kraft und welches Eigenleben Vorstellungen entwickeln können, muß ich ja nicht ausführen. Die Figuren in "Etwas fehlt immer" lebten fast alle in Parallelwelten, also in Vorstellungen, abseits von dem, was die meisten - also die die sich noch im Griff haben - als normal bezeichnen würden. Was lag also näher als die Umwelt auch zu animieren, ihr eine Parallelwelt zuzugestehen. Ich glaube, ich könnte auf diese Art der Naturbeschreibung nie verzichten, weil sie ein Teil des Lebens ist. Wir projezieren doch ständig alles Mögliche in Dinge hinein, nur machen wir uns im Alltag selten die Mühe, das Ergebnis genau zu beschreiben. Es ist aber sehr aufschlußreich, sich an dieser Schnittstelle zwischen Außenwelt und eigener Wahrnehmung etwas länger aufzuhalten. Also: "literarische Leidenschaft"? Ja, aber eben nicht nur, sondern auch Alltagserleben. Und genaue Beobachtungen in die eigene Sprache zu übersetzen ist nicht das schlechteste Markenzeichen.

Gerieben haben wir uns ebenfalls an der Gestaltung des Covers von "Etwas fehlt immer". Die Covergestaltung zum neuen Buch erscheint jünger und signifikanter. Ein Motiv wurde umgesetzt, dass unmittelbar aus dem Roman herausgegriffen wurde. Wie zufrieden sind Sie selbst mit dem neuen Cover?
Ein Cover sollte mehrere Dinge vereinen. Erstens sollte es unverwechselbar und dadurch ansprechend sein, zweitens ein Hinweis auf das Haus, aus dem es stammt, enthalten und drittens ein Fenster in den Text sein. Der erste Punkt betrifft den Markt. Wie wird ein Umschlag zum Eyecatcher, wie hebt er sich aus der Masse heraus, was hat er, daß der Käufer gerade dieses Buch in die Hand nimmt und nicht das daneben? Der zweite Punkt zielt auf die Unternehmensidentität, also darauf, sofort am Cover zu erkennen, ob das Buch von Hanser, von Rowohlt oder von Suhrkamp stammt. Und der dritte Aspekt verbindet den Umschlag mit dem Inhalt, stellt den Autor zufrieden und gibt dem Käufer Auskunft, noch bevor er den Klappentext liest. Unter diesen Gesichtspunkten schneidet dieser Umschlag besser bei mir ab als der letzte. Ich fand auch das letzte Cover gut, es sah edel aus, nur hatte es mit meinem Buch nichts zu tun. Das kann einen dann schon mal ärgern. Bei dem Einband von "Morgen war schon" könnte ich mir denken, daß er auffällt, ja. Was die Corporate Identity angeht, halte ich es für gelungen. Was allerdings den letzten Punkt anbelangt, scheint mir die Darstellung zu lieblich, geht zu sehr ins Kindliche hinein und legt so eine falsche Fährte. Ich hätte mir etwas mehr Brüchigkeit in diesem Motiv, mehr Verfremdung gewünscht.

Folgender Satz (2005 aber zeitlos) stammt von Ihnen: Wer glaubt, Bücher hätten je außerhalb der Marktwirtschaft existiert, ist entweder naiv, oder er hat in seinem Leben so viele Stipendien kassiert, dass ein zentraler Aspekt unserer Gesellschaftsform an ihm vorbeigelaufen ist. Gleichzeitig kritisieren Sie das Schielen der Öffentlich Rechtlichen nach Einschaltquote als "pervers", weil deren kulturelle Auftrag untergraben werde. Wie passt das zusammen?
Das geht sehr wohl zusammen. Die Öffentlich-Rechtlichen haben einen klar definierten kulturellen Auftrag, sie stehen dafür ein, daß auch Beiträge, Musik, Literatur gesendet werden, die die Masse nicht interessieren. Dafür zahle ich Gebühren. Mit dem Schielen nach der Quote wenden sich die Sender gegen ihren eigenen Auftrag, und ich frage mich nicht nur, wieso soll ich Gebühren zahlen, wenn die den gleichen Mainstream abdudeln, den alle anderen auch spielen, sondern auch, wer diese Leute reitet, wenn sie versuchen mit den Privaten zu konkurrieren. Sie zerstören damit eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Kultur, nämlich die Vielfalt des Produzierbaren. Wenn ihnen das weiter durchgeht wie bisher, haben wir bald nur noch eine Berieslung für Menschen, die eigentlich nichts hören und nichts sehen. Der oben zitierte Satz über Bücher hingegen stammt aus einem Artikel über einen Kollegen, der sein ganzes Leben lang von den Stipendien einiger Institutionen des Literaturbetriebs gezehrt hat - wogegen nichts zu sagen ist, denn auch hier geht es um Förderung von Arbeit, die nicht Bestseller verdächtig ist - der dann aber auf den gesamten Literaturbetrieb schimpft, weil dieser bekanntere Autoren mehr hätschelt, als ihn selbst. Der Literaturbetrieb in Form von Verlagen, Literaturhäusern usw. ist aber kein altruistisches Unternehmen. Vielmehr geht es hier um Verkauf. Und es gibt genug Verlage und auch Buchhandlungen, die nur noch drucken und verkaufen, was sich ordentlich absetzen läßt. Im Gegensatz zu ARD und ZDF stehen Verlage in einem klaren Wirtschaftswettbewerb und kassieren keine Gebühren, mit denen ein kultureller Auftrag verbunden wäre. Und trotzdem erfüllen viele von ihnen diesen für sie nichtexistenten Auftrag in größerem Umfang als so mancher Chef bei den Dritten Programmen. Und das gefällt mir außerordentlich. Viele Verlage drucken Gedichtbände, obwohl sie damit kein Geschäft machen. Und ich finde es richtig und gut, daß sie das machen. Viele investieren in neue Autoren, die sie langsam aufbauen wollen, und ich finde es gut, daß sie das machen. Aber ich kann doch keinem dieser Verlage einen Vorwurf machen, wenn er einen bekannten Autor mehr bewirbt oder ihm mehr Aufmerksamkeit schenkt als einem Neuling. Weil durch den Verkauf der Bücher dieses bekannteren Schriftstellers ja wieder Geld herein kommt, mit dem Bücher von weniger Bekannten produziert werden. Für Unternehmen, die auf dem freien Markt agieren, steht hinter dem Veröffentlichen und Hochziehen neuer Autoren natürlich die Berechnung, mit diesen neuen Autoren eines Tages Geld zu verdienen, da muß man sich mal nichts vormachen. Aber sie haben auch begriffen, daß nicht jedes Buch in den Bestsellerlisten landen muß, es vielmehr Nischen gibt, die bedient werden wollen.

Die Bonusfrage: Manche Autoren behaupten, sie würden keine Tageszeitungen lesen, andere, dass sie sich keine Bücher ihrer schreibenden Kolleginnen und Kollegin auf den Nachttisch legen. Was lesen Sie und was lesen Sie nicht?
Ich lese Tageszeitungen, natürlich. Da ich so gut wie nie fernsehe, wüßte ich nicht, wo ich mich sonst informieren sollte. Und mit Information meine ich etwas mehr als nur die Schlagzeile und was allgemein als Fakten bezeichnet wird. Und auch meine deutschsprachigen Kollegen lese ich. Vor allem sie. Dafür beschäftige ich mich immer weniger mit den "Alten". Auch nicht deutschsprachige Autoren kommen etwas zu kurz. Aber dafür gibt es dann die Auslandsreisen, bei denen ich wiederum nur noch Autoren aus dem Land, das ich gerade bereise lese. Was ich bestimmt nie lesen werde, sind Ratgeber zu was auch immer.

Wir danken Guy Helminger für das Interview.


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