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Der Verleger Urs Engeler im Interview: Geiz ist dumm. Intelligenz ist geil.

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So einiges wissen wollten wir von und über den Verleger Urs Engeler (Zwischen den Zeilen: "Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik" sowie den Verlag Urs Engeler Editor). Der beste Weg: Ihn selbst zu fragen. So wollten wir zum Beispiel wissen, welche Erlebnisse er aus seiner 15-jährigen Tätigkeit als Verleger nicht missen wolle, was er von der Gegenwartslyrik halte oder welche Chancen er für die Zukunft der Literaturverlage sehe

 

Urs Engeler, 1995 haben Sie den Verlag Urs Engeler Editor gegründet. Mit welchen Zielen haben Sie die Gründung des Verlages verbunden?
Wenn man Bücher veröffentlicht, dann um die Menschen in ihren Köpfen und ihren Gefühlen zu erreichen, damit sie dort lebendig sind und noch lebendiger werden können. Dafür kenne ich keinen bessern Stoff als die Poesie.

Welche Erlebnisse aus Ihrer nahezu 15-jährigen Tätigkeit als Verleger möchten Sie keinesfalls missen?
Wenn mir heute arrivierte Autoren erzählen, was es für sie bedeutete, ein erstes Heft von "Zwischen den Zeilen" in die Hände bekommen zu haben, dann spüre ich, dass es Köpfe und Herzen gibt, in denen der Verlag sein Ziel erreicht hat.

Inwieweit hat sich die letzten 15 Jahre die Position der Literatur allgemein und speziell die der Lyrik innerhalb der Gesellschaft verändert?

Die Welt der Kommunikationsmedien hat sich grundlegend verändert. In meiner Jugend gab es zwar auch Schallplatten, Zeitschriften, Bücher, Kinos, Konzerte - aber es gab von all diesen Dingen weniger, und in ihren Besitz zu gelangen war häufig kompliziert. Heute dagegen gibt es von allem viel, oft zu viel, und alles ist nur einen Mausklick entfernt. Das verändert natürlich auch die Position der Literatur: sie ist nur eines unter vielen Unterhaltungsmedien. Dass sie zudem eines ist, dessen Genuss mit Anstrengung verbunden ist (denn Lesen geschieht einem nicht: Lesen muss man können), macht ihre Stellung nicht besser. Dass man mit Worten aber auch anderes tun kann, als nur zu unterhalten oder den Leuten Aktien aufzuschwatzen, ist in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend diskreditiert worden: nicht nur Geiz war geil, auch Dummheit ist salonfähig geworden. Gedichte aber lassen sich nicht verbrauchen, und wer mit Intelligenz geizt, der kann an ihnen nicht teilhaben. Kein Wunder also, dass die gesellschaftliche Relevanz von Gedichten gegen Null strebt, gegen Null streben will.

Ein Schwerpunkt der Edition ist die Lyrik. Wie lebendig schätzen Sie die Gegenwartslyrik sowie deren Autorinnen und Autoren ein?
Der eben zum Ausdruck gebrachte Pessimismus, was das Große Ganze betrifft, wird zum Glück kompensiert durch die Vitalität vieler Einzelner: die Saat, die Autoren wie Oskar Pastior, Elke Erb, Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, H.C. Artmann, Thomas Kling, Peter Waterhouse, Michael Donhauser, Ulf Stolterfoht und viele weitere mit ihren Gedichten in jüngeren Autoren ausgetragen haben, das Beispiel ihrer Freiheit, ihrer Originalität, ihrer Intensität und Individualität treibt die schönsten Blüten!

Ein Beitrag von Roman Bucheli in der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) wird übertitelt mit den Worten "Schlechte Zeiten für die Lyrik". Woran mag es liegen, dass Lyrik - manche sprechen vom literarischen Ladenhüter - kaum an die Leserin, an den Leser zu bringen ist?
Die Rede von den "Schlechten Zeiten für Lyrik" halte ich für Geschwätz eines Feuilletons, das den Wirtschaftsteil verinnerlicht hat. Hinsichtlich der Poesie bemisst sich die Qualität einer Zeit nicht nach Auflagenzahlen, sondern nach den Dichtern und den Gedichten, die diese hervorbringt, ganz gleichgültig, wie viele Leser sie finden. Im Gegenteil: unsere Zeit ist enorm reich - es ist ganz unmöglich, jetzt poetisch zu verhungern.

In Bezug auf das Internet scheiden sich seit geraumer Zeit die Geister in Bezug auf "Fluch oder Segen". Google scannt Bücher im großen Stil ein, die Piratenpartei fordert zwar nicht das Ende des Copyrights, jedoch eine Anpassung an die zukünftigen Rahmenbedingungen der Informationsgesellschaft. Welche Chancen sehen Sie zukünftig für Literaturverlage?
Herkömmliche Verlage (aber sind das auch Literaturverlage?) sind eigentlich mit nichts anderem als der Rechteverwertung, also der Kapitalisierung von Rechten beschäftigt. Sie werden sicher daran arbeiten, das Netz zu kapitalisieren. Zugleich aber gibt es das Netz als Hort der Rechtlosen: Sherwood Forest wird zu Shareweb Forest! Für die wilden Kinder, und nur von denen erwarte ich Literatur, ist das der beste Ort.

Nach Erscheinen des kommenden Herbstprogramms zieht sich Ihr bisheriger Mäzen zurück. Ein Zahnarzt der für Bücher bohre, wie Sie ihn einmal recht kurzweilig beschrieben haben. Mit welcher Erwartungshaltung unterstützt ein Mäzen einen Verlag über einen so langen Zeitraum?
Es tut mir leid, solche Kurzweiligkeit ist mir völlig fremd: der Slogan vom für Bücher bohrenden Zahnarzt erfand ein Journalist. Ich selbst fand und finde den Spruch sehr unpassend und respektlos. Denn Respekt hat sich ein Mäzen, der mit seiner Haltung nur eine Erwartung kannte: keine Kompromisse machen, mehr als verdient.

"Kunst braucht Mäzene" lautete unlängst die Forderung der Verlegerin Daniela Seel (kookbooks Verlag). Sie beließ es nicht bei der Forderung sondern startete eine Aktion unter dem genannten Motto. Wie steht es generell mit der Unterstützung - privater und öffentlicher Natur - für Literatur?
Die private Unterstützung ist ihrer Natur nach, eben weil sie privat geschieht, sehr selten öffentlich sichtbar. Deshalb lässt sich dazu meist wenig sagen. Ich bin in dieser Hinsicht etwas unkonventionell vorgegangen, weil ich der Meinung bin, dass, wer Lob verdient, Lob hören soll. Ich kann die Frage also nur für mich selbst beantworten: Weder hat sich von privater Seite jemand gemeldet, noch hat die öffentliche Hand erkannt, dass sie helfen könnte. Es ist also eine gute Zeit für die Tugenden der Anarchie.

Zusätzlich zum Verlag Urs Engeler Editor verlegen Sie die Zeitschrift für Gedichte und Poetik "Zwischen den Zeilen", von der gesagt wird (NZZ), dass sie den gerade für Lyrik so notwendigen Werkstatt-Charakter habe. Wie sehen Sie selbst die Zeitschrift im Kontext zum Verlag?
Die Zeitschrift ist nicht nur die Werkstatt des Verlages, sie ist auch sein Labor und sein Maschinenraum. Solange es die Zeitschrift gibt, gibt es auch den Verlag, allen Unken- und andern Zeitungs-Rufen zum Trotz. Und dieses Labor tüftelt jetzt im Jura an neuen Uhren und Werken.

Seit einigen Monaten geht das Gespenst der Finanzkrise um. Inwieweit sehen Sie in diesem Zusammenhang das kulturelle Leben, das Interesse der Gesellschaft an künstlerischer Arbeit gefährdet und welche Wünsche diesbezüglich hegen Sie?

Geiz ist Dumm. Intelligenz ist geil.

Herzlichen Dank an Urs Engeler für die Beantwortung unserer Fragen

Die Fragen stellte:
Andreas Schneider

Kontakt:
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Urs Engeler Editor
Interview (Poetenladen, 2008)
Baden-Württembergischer Landespreis 2008


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