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Benjamin Tienti: Raubvogel (Gebunden)

Benjamin Tienti: Raubvogel (Gebunden)

€14.60
Erschienen: ...
Verlag: ...
Ausgabe: ...
Land: ...
Seiten: 105
ISBN 10: 902373466
ISBN 13: 9783902373465
Versanddauer: 2 bis 3 Tage
Rezensionen: Andreas Schneider
Sonstiges: ...
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Über den Inhalt: Was fühlt ein Siebenjähriger, wenn alles über ihm zusammenbricht? Wenn die Familie, wie er sie kannte, nicht mehr existiert. Wenn er beginnt, Geheimnisse zu haben, und Seiten an sich zu entdecken, die er bis dahin nicht vermutet hat. Der Ich-Erzähler, ein siebenjähriger Junge, wächst auf in einer Welt des erwachsenen Wahnsinns: eine Mutter, die Schicht auf Schicht im Krankenhaus schiebt, ein drogenabhängiger Vater, der in seiner Sucht zwischen liebevollem Familienclown und gewalttätigem Choleriker schwankt – und teils kauzige, teils feindselige Nachbarn. Die einzigen verträglichen Menschen scheinen die anderen Kinder zu sein, und ein wahrer Lichtblick ist der vierjährige Bruder Tobi. Unter all den Anforderungen, die die Welt der Erwachsenen an ihn stellt, geraten seine eigenen Gefühle zunehmend in den Hintergrund. Seine Einsamkeit ordnet er den Bedürfnissen der Mutter unter, die neben diversen exzessiven Versuchen, ein neues Glück zu finden, ihre Familie und beinahe auch sich selbst vergisst. Konsequent erzählt Benjamin Tienti aus der Perspektive eines Jungen, der hellwach eine Welt zu durchdringen sucht, in der er auf sich allein gestellt ist: vom Schweigen, ob man Grenzen selbst überschreitet oder sie für einen überschritten werden, ob die eigenen Gefühle verloren gehen, ob das überhaupt jemand bemerkt und nicht zuletzt darüber, ob man diese Gefühle irgendjemandem schuldet oder einfach nur sich selbst.
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Über den Autor: Benjamin Tienti, geb. 1981 in Esslingen am Neckar; arbeitete als Erzieher in Wohngruppen und Schulen und veröffentlicht unter Pseudonym Kurzgeschichten in Punkfanzines. Er lebt in Berlin und arbeitet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit an einer Schule in Neukölln. Raubvogel ist sein Debüt als Romanautor.
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Leseprobe: Nasenbluten
Das ganze Waschbecken ist voller Blut. Der Wasserhahn läuft und das Wasser vermischt sich mit dem Blut, aber es sieht nicht so aus, als ob das Blut durch Wasser verdünnt wäre, es wird immer mehr und bildet Tröpfchen und gurgelt den Abfluss hinunter. Mein Vater hebt den Kopf, wirft ihn nach hinten und drückt sich ein Taschentuch gegen die Nase. Nach einer Sekunde ist es rot und tropft. Ich bin zufällig ins Bad gekommen, ich wollte aufs Klo. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich habe nicht das Gefühl, dass mein Vater mich wahrgenommen hat.
„Papa?“ sage ich. Mein Vater stützt sich mit beiden Händen auf den Rand des Waschbeckens, ich sehe, wie ihm das Blut aus der Nase in den Mund läuft und an den Mundwinkeln entlang Bahnen auf sein Kinn zieht und in schnellen Tropfen ins Waschbecken fällt.
„Papa?“ frage ich noch mal.
„Was ist denn?“ Mein Vater dreht den Kopf, schaut mich kurz an.
„Geh raus, hol Mama“, sagt er. Es hört sich an, als würde er mit einem Schluck Wasser im Mund sprechen wollen.
„Was ist denn los?“ ich mache einen Schritt auf ihn zu, wieder einen zurück.
„GEH RAUS, ICH HAB GESAGT HOL MAMA!“ Mein Vater schreit und sein Gesicht wird rot und das Blut sprudelt noch stärker aus ihm heraus. „SCHEIßE!!!“
Ich renne aus dem Bad, ins Schlafzimmer, meine Mutter wacht sofort auf, sie wacht immer sofort auf.
„Wie? Wie spät? Was ist los?“, sagt sie und richtet mit einem Ruck ihren Oberkörper auf.
„Papa hat Nasenbluten, komm schnell!“ Sie ist mit einem Satz aus dem Bett, an mir vorbei.
„Paul? Paul, was ist? Oh SCHEIßE, nicht schon wieder, du wolltest AUFHÖREN, ICH GLAUB ES NICHT!“
Ich sehe durch den Türspalt, wie sie ihm mit einem Waschlappen über das Gesicht wischt, ihn mit ihrem Körper drängt, sich zu setzen.
„Leg dir das in den Nacken, Kopf zurück, so“, sagt sie und zu mir über die Schulter: „Hol Eiswürfel, schnell!“
Ich gehe in die Küche, suche zwischen den Tupperschüsseln im Gefrierschrank nach Eiswürfeln. Ich höre, wie meine Mutter meinen Vater anschreit: „WILLST DU STERBEN ODER WAS? WILLST DU STERBEN!“
„Ich hab nichts gemacht!“, sagt mein Vater. Er klingt nicht, wie immer. Seine Stimme wird höher, wenn sie streiten, höher und weicher, er hört sich an, wie ein Hund. Ich finde die Eiswürfel und bringe sie ins Bad. Meine Mutter sitzt neben meinem Vater auf dem Badewannenrand. Sie ist bleich, aber ihre Bewegungen sind sicher und schnell.
Mein Vater hat den Kopf im Nacken, meine Mutter legt ihm Eiswürfel auf die Augen, reibt damit über seine Nase und den Nacken. Es hat fast aufgehört zu bluten, ein dünnes Rinnsal kommt aus der Nase meines Vaters und meine Mutter wischt ihn mit dem Waschlappen weg. Das ganze Bad ist vollgespritzt, der Boden, die Wand, die Badewanne. Nur das Waschbecken ist jetzt fast sauber, weil immer noch das Wasser läuft.
„Du wolltest aufhören“, sagt meine Mutter, nicht mehr so laut wie eben. Sie dreht den Kopf zu mir.
„Geh bitte raus“, sagt sie.

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