Sonntag, den 09. Januar 2011 um 09:29 Uhr
Geschrieben von: daswortreich

Mit reichlich Verspätung und verbunden mit verlegerischen Umwegen erschien im August 2010 der Roman „Neubrasilien" vom in Köln lebenden und aus Luxemburg stammenden Autor Guy Helminger. Nach „Etwas fehlt immer" sowie „Morgen war schon", das dritte Buch, das ich vom Autor lese. Zwei Dinge lassen sich dabei feststellen: Ohne die beiden vorherigen Werke zu diskreditieren, hat Guy Helminger die nächste Stufe seines schriftstellerischen Schaffens erklommen. Zum einen. Und – als Kompliment gedacht – das Buch hat gefühlte sechzig bis siebzig Seiten zu wenig.
Man hätte gerne noch mehr über die Protagonist/Innen erfahren und über den Fortgang der Flucht, die in zwei verschiedenen Jahrhunderten (exakt in zwei verschiedenen Jahrtausenden) ihren jeweiligen Anfang findet.
Inhalt: Die eine beginnt 1828 in Luxemburg in einer unruhigen Zeit. Heraufbeschworen durch den Zusammenbruch des ersten napoleonischen Kaiserreichs. Eine Zeit, die den Menschen kaum Perspektiven bietet. Das Gerücht macht die Runde, dass in Brasilien Menschen gebraucht werden, um das Land aufzubauen. Anlass für eine Handvoll Menschen, sich auf den beschwerlichen Weg zu machen in die Ferne und dabei alles zurück zu lassen. Bis auf die Erinnerungen.
Die beschwerliche Reise beginnt entlang der Mosel, führt über den Rhein entlang Richtung Norddeutschland. In Brasilien ankommen wird keiner dieser Menschen.
Die andere beginnt zum Ende des 20. Jahrtausends. Eine Handvoll Montenegriner flüchtet aus dem durch den Balkankrieg zerrütteten und zersplitterten ehemaligen Jugoslawien und landet in Luxemburg. Dort, wo 170 Jahre zuvor die erste hoffnungsvolle Reise Richtung Brasilien begann. Es ist ein Leben im Wartezustand, ein Leben auf Abruf, dass die Montenegriner im Exil führen, die drohende Abschiebung permanent vor Augen.
Fazit: Einfühlsam und intensiv beschreibt Guy Helminger die reale und die Gedankenwelt der Flüchtlinge in zwei unterschiedlichen Jahrhunderten. Ängste, gepaart mit der Hoffnung auf ein neues, ein besseres Leben. Die innere Verzweiflung und die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. Migration und Immigration als ein Thema, das vermutlich aktuell bleiben wird, solange es Menschen gibt.